Loccumer Brevier


Herausgeber: Loccumer Arbeitskreis für Meditation in Verbindung mit der Evangelischen Akademie Loccum


Brevier 2

Ich und die anderen
Ich und die Welt
Mein Glaube






Ich und die anderen



Ein neues Gebot

gebe ich euch,

daß ihr euch

untereinander liebt,

wie ich euch

geliebt habe.

Johannes 13,34





Zwei Menschen

Wir reden. Wir reden dauernd aneinander vorbei. Wir reden. Wir reden uns immer weiter auseinander. Vielleicht schweigen wir uns wieder zusammen.

Lothar Zenetti







Sola gratia

einen engel wünsche ich allen die ohne grund lächeln: aus gottes grazie allein

Kurt Marti







Den eigenen Weg gehen

Gemeinsam gehen, Lange Zeit. Sich trennen können, bevor der Haß die Seele zerstört. Die Entwicklung des anderen achten, ihn nicht zum Sklaven machen. Dem andern seine Talente glauben. Ihn nicht zum Ja-Sager erziehen. Dem andern Lebensraum geben. Niemanden zum Mitgehen zwingen, Nachgeben können, ohne verbittert zu sein. Großzügig denken. Glauben können! Es ist ja genug da von allem und jedem,

Martin Gutl







Die Nähe eines Menschen

wußten sie schon daß die stimme eines menschen einen anderen menschen wieder aufhorchen läßt der für alles taub war wußten sie schon daß das anhören eines menschen wunder wirkt daß das wort oder das tun eines menschen wieder sehend machen kann einen der für alles blind war der nichts mehr sah der keinen sinn mehr sah in dieser weit und in seinem leben wußten sie schon daß das zeithaben für einen menschen mehr ist als geld mehr als medikamente unter umständen mehr als eine geniale operation wußten sie schon daß die nähe eines menschen gesund machen krank machen tot und lebendig machen kann wußten sie schon daß die nähe eines menschen

gut machen böse machen traurig und froh machen kann wußten sie schon daß das wegbleiben eines menschen sterben lassen kann daß das kommen eines menschen wieder leben läßt

als jesus den tauben heilte da ist er mit dem finger in dessen ohren gegangen er blieb nicht auf distanz jesus ist ganz dicht an den tauben herangetreten und hat gesagt: komm laß mich mal an deine ohren heran und dann hat jesus mit dem finger in seinen ohren gebohrt die waren nämlich total verstopft jesus hat den gehörgang des tauben frei gemacht von floskeln von lügen von allgemeinplätzen von vorurteilen ganz tief drinnen das alles hatte den mann taub gemacht er konnte durch diesen ganzen wust nicht mehr richtig hindurchhören. jesus hat das geschafft indem er ganz nahe an den mann heranging und nicht bloß distanziert belehrungen und ermahnungen erteilte von oben herab

als jesus den stummen hellte ja was da?! da ist er ganz nahe herangegangen an diesen stummen menschen hat ihn umarmt hat sich nicht distanziert verhalten wie ein mensch ist er ganz nahe herangegangen und hat mit dem finger speichel aus seinem mund genommen und den speichel dem stummen auf die zunge gestrichen ganz konkret furchtbar konkret bah speichel! wo bleibt da die hygiene aber was ist bei verliebten 'bah " und diese ungeheure menschliche ndhe diese nicht gespielte zuneigung löste und erlöste den stummen das ist erlösung! wenn einer so kommt -

da tat der stumme seinen mund auf das alles vorher war vielleicht wortlos zugegangen wie liebesspiele wortlos vor sich gehen und jetzt spricht auch jesus mit ihm dem nicht mehr stummen und sie verstehen sich und von da an wagte der stumme wieder mit menschen zu sprechen weil er einem menschen begegnet war denn sprechen ist ein wagnis wenn es nicht bloßes plappern sein soll nichtssagendes plappern wirkliches sprechen ist ein wagnis dieser stumme wagte wieder den mund aufzutun weil er einen menschen gegenüber hatte dem er sich öffnen konnte ohne gedemütigt zu werden deshalb wagte er wieder den mund aufzutun.

Wilhelm Willms







Leichenreden

als sie mit zwanzig ein kind erwartete wurde ihr heirat befohlen

als sie geheiratet hatte wurde ihr verzicht auf alle studienpläne befohlen

als sie mit dreißig noch unternehmungslust zeigte wurde ihr dienst im hause befohlen

als sie mit vierzig noch einmal zu leben versuchte, wurde ihr anstand und tugend befohlen

als sie mit fünfzig verbraucht und enttduscht war zog ihr mann zu einer jüngeren frau

liebe gemeinde wir befehlen zu viel wir gehorchen zu viel wir leben zu wenig

Kurt Marti







Möge der, welcher unser Vater für die Christen ist, Jahwe für die Juden, Allah für die Mohammedaner, Buddha für die Buddhisten, Brahma für die Hindus, möge dieses allmöchtige und allwissende Wesen, das wir als Gott anerkennen, den Menschen den Frieden geben und unsere Herzen in einer geistigen Bruderschaft vereinen.

Gebet aus Indien







Wir wohnen Wort an Wort Sag mir dein liebstes Freund meines heißt Du

Rose Ausländer







Je treulicher du nach innen lauschst, um so besser wirst du hören, was um dich ertönt. Nur wer hört, kann sprechen. Führt hier der Weg zur Vereinigung der beiden Träume: das Leben in Klarheit zu spiegeln - in Reinheit zu gestalten?

Dag Hammorskjöld







Das der echten Herzensnot entwachsene Wort, das das eigene Herz stärken soll, stärkt auch die Herzen der Hörenden.

Jean Gebser







Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hingeben über dich zu andern Dingen? Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Verlorenem im Dunkel unterbringen an einer fremden stillen Stelle, die nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt? Und weicher Geiger hat uns in der Hand? 0 süßes Lied.

Rainer Maria Rilke







'Wie man seinen Nächsten lieben muß"

Der Sassower erzählt einem seiner Jünger: 'Die Erkenntnisse wahrer Nächstenliebe verdanke ich einem Gespräch zweier Dorfleute, denen ich zuhörte.'

Erster: 'Sag' mir, Freund lwan, liebst du mich?'

Zweiter: 'Ich liebe dich sehr.'

Erster: 'Weißt du Freund, auch, was mir weh tut?' Zweiter: 'Wie kann ich denn wissen, was dir weh tut?' Erster: 'Wenn du nicht weißt, was mir weh tut, wie darfst du auch nur sagen, daß du mich lieb hast?'

'Verstehst du Hersch', führte der Sassower aus, 'lieben, wirklich lieben, heißt wissen, was dem andern weh tut.'

Martin Buber







Der Kreis

Hier die Geschichte, wie Rabbi Jaakob-Jossef von Polnoje für den Chassidismus gewonnen wurde.

Eines morgens kam er zur Synagoge von Schar!grod und fand sie leer.

"Wo sind die Gläubigen?" erkundigte er sich beim Schammes.

'Auf dem Marktplatz."

'Alle? Zu dieser Stunde, die doch die Gebetsstunde ist?»

'Ja, nun also: Dort ist nämlich dieser Fremde. Er erzählt Geschichten. Und wenn er spricht, will keiner weggehen. "

'Ah, der Unverschämte! Geh und bring ihn her!"

Dem Schammes blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen:

Das war sein Geschäft. Er lief zum Marktplatz, trat zu dem Erzähler hin und teilte ihm den Befehl mit. 'Gut", sagte der Fremde ruhig. 'Ich komme."

Der Rabbiner empfing ihn sitzend.

'Wer bist du, daß du es wagst, diese Gemeinde vom Wege des Herrn wegzulocken?"

'Erzürnt Euch nicht", sagte der Besucher. "Ein Rabbiner wie ihr sollte niemals in Zorn geraten. Hört lieber eine Geschichte."

'Was! Noch mehr Geschichten! Deine Frechheit übersteigt alle Grenzen! Willst du mich noch zorniger machen?!"

'Man muß den Zorn beherrschen können", erwiderte der Besucher sanft. 'Hört mich an ..."

Im Tonfall des Fremden war etwas, das den Rabbiner so aus der Fassung brachte, daß er schwieg: er konnte nicht anders, als zuhören: noch nie hatte es ihn so danach verlangt, zuzuhören.

'Es ist eine Geschichte, die mir zugestoßen ist", sagte der Baal-Schem. 'Ich reiste in einer Kutsche, die von drei Pferden gezogen wurde -jedes hatte eine andere Farbe, und keines wieherte. Und ich verstand nicht, warum die Tiere stumm waren. Bis zu dem Tag, an dem ich einem Bauern begegnete, der mir zurief, die Zügel locker zu lassen. Auf der Stelle begannen die drei Rosse zu wiehern."

Wie in einer jähen Erleuchtung verstand der Rabbiner von Scharigrod die Bedeutung des Gleichnisses: Damit die Seele in Schwingung gerate, muß man sie freilassen; zuviel Zwang droht sie zu ersticken.

Er erzählte:

'Eingedenk des Talmudwortes, wonach es genügt, daß alle Menschen bereuen, damit der Messias komme, beschloß ich, in diesem Sinn auf sie einzuwirken. Ich war sicher, daß es mir gelingen würde. Aber wo beginnen? Die Welt ist so groß. Ich würde mit dem Land anfangen, das ich am besten kannte: Mit meiner Heimat. Aber es ist riesengroß, mein Land. Gut, beginne ich also mit der Stadt, die mir am nöchsten liegt: mit meiner

Stadt. Aber sie ist groß, meine Stadt, ich kenne sie kaum. Schön, ich fange also in meiner Straße an. Nein: mit meinem Haus. Nein: mit meiner Familie. Also gut, ich werde mit mir selbst anfangen."

Elie Wiesel







Ich liebe Dich jetzt weit, weit mehr ...

'Es ist morgens, der 16. November, und ich schreibe weiter. Der Bote hat keinen Brief gebracht. Ich weiß nun wohl, daß es Dir mindestens nicht schlechter geht, aber weit lieber wöre es mir gewesen, wenn ein Zettel gekommen wöre, des Inhalts: der gnädigen Frau geht es wieder besser. So hängt mit allen Fäden mein Herz an Dir, daß jedes Ding, welches Dich angenehm oder unangenehm berührt, an diesen Fäden zu mir fortläuft, und die gleiche Empfindung in mir erregt ... Und wenn mich heute Gott zu sich abruft, so sage ich: Herr, ich danke dir, du hast mir ein großes Glück auf dieser Erde gewährt. Freilich, wenn Gott ganz besonders gütig gegen uns sein wollte, so ließe er uns noch eine Zeit, in der nicht so viele Sorgen wären, beisammen; durch das vergangene Ungemach sind wir nur näher aneinander gebunden, und das zukünftige Glück wäre noch größer als das vergangene. Merkwürdig ist es, daß Alter und Jahre hier keinen Abbruch tun, überhaupt keinen anderen, als einen guten Einfluß haben.

Ich liebe dich jetzt weit, weit mehr, als da Du ein zweiundzwanzigjöhriges, blühendes, unbeschreiblich schönes Müdchen warst, und Du liebst mich alten Mann mit allen seinen Wunderlichkeiten und Grillen mehr als den jungen, kräftgen, gleichsam Himmel und Erde stürmenden.

Und diese Liebe wird nicht geringer werden, sondern wachsen, und im Hochalter, wenn uns eines beschieden ist, werden wir völlig eins in dem andern und gleich sein..."

Adalbert Stifter







Schönreden

Ein gelehrter Mann, der einst Sabbatgast an Rabbi Baruchs Tisch war, sagte zu ihm: 'Laßt uns nun Worte der Lehre hören, Rabbi, Ihr redet so schön!" 'Ehe daß ich schön rede", antwortete der Enkel des Baalschem, 'möge ich stumm werden! "

Chassidische Geschichte







'Wie ich auch sonst schon gesagt habe: Wöre ein Mensch so in Verzückung, wie's Sankt Paulus war, und wüßte einen kranken Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe."

Meister Eckhart







Ich und die Welt

Ein jegliches hat seine Zeit,

und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat,

daß sie sich damit plagen.

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit,

auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt;

nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk,

das Gott tut,

weder Anfang noch Ende.

Prediger 3, 1. 10-11





Der Augenblick des Fensters

Jemand schüttet Licht

Aus dem Fenster.

Die Rosen der Luft blühen auf,

Und in der Straße

Heben die Kinder beim Spiel

Die Augen.

Tauben naschen

Von seiner Süße

Die Mädchen werden schön

Und die Männer sanft

Von diesem Licht.

Aber ehe es ihnen die anderen sagen,

Ist das Fenster von jemandem

wieder geschlossen worden.

Karl Krolow







Im Atemhaus

Unsichtbare Brücken spannen

Von dir zu Menschen und Dingen

von der Luft zu deinem Atem

Mit Blumen sprechen mit Menschen du liebst

Im Atemhaus wohnen

Eine Menschblumenzeit

Rose Ausländer







Wenn du zum Tor des Lebens gelangen willst,

mußt du aufbrechen, einen Weg suchen,

der auf keiner Karte verzeichnet

und in keinem Buch beschrieben ist.

Dein Fuß wird an Steine stoßen,

die Sonne wird brennen

und dich durstig machen,

deine Beine werden schwer werden.

Die Last der Jahre wird dich niederdrücken.

Aber irgendwann wirst du beginnen,

diesen Weg zu lieben,

weil du erkennst, daß es dein Weg ist.

Du wirst straucheln und fallen,

aber die Kraft haben, wieder aufzustehen.

Du wirst Umwege und Irrwege gehen,

aber dem Ziel näherkommen.

Alles kommt darauf an,

den ersten Schritt zu wagen.

Denn mit dem ersten Schritt

gehst du durch das Tor.

Wolfgang Poeplau







Tour de France

Als die Spitzengruppe

von einem Zitronenfalter

überholt wurde,

gaben viele Radfahrer das Rennen auf.

Günther Grass







Die Klagemauer -

Im Blitz eines Gebetes

stürzt sie zusammen.

Gott ist ein

Gebet weit

von uns entfernt

Nelly Sachs







Geist zu sein

oder Staub, es ist

dasselbe im All.

Nichts ist, um

an den Rand zu reichen

der Leere.

Überhaupt

gibt es ihn nicht.

Was ist, ist

und ist aufgehoben

im wandlosen Gefäß

des Raums.

Ernst Meister









Das verlassene Dorf

Noch tost der Bach

Um die bemoosten Steine

Und fließt

Entlang an Schuppenwänden,

Hin unter Stegen

Und vorbei an Gärten,

Wo hinter schrägen,

Eingesunkenen Zäunen

Holunderdolden blühn.

Geh aus und ein

Durch die verfallnen Tore,

Nichts wehrt dich ab:

Die Höfe

Schattenkühl und still,

Die Häuser leer,

Die Fenster blind,

Die Dächer alt und schwer

Und eingeknickt.

Verhalt den Schritt,

Dem Lichterspiel sieh zu

Auf Ziegelwerk und Stein

Und lausche:

Kein Wagenrollen mehr,

Kein Sensendengeln

Und keines menschen Laut.

Von Ferne nur, verirrt,

Ein Hahnenschrei.

Im Frühjahr,

Um die Zeit der Schmelze,

Schwillt der Bach

Und nimmt von ungefähr

Ein Kinderspielzeug mit,

Das einstmals

Abends in der Dunkelheit

Am Ufer liegenblieb.

Das war vor langer Zeit.

Theodor Weißenbom







Von Schatten zu Schatten

Unsre Tage verwehten.

Ein harscher Schnee liegt im Garten.

Wie du mich ansiehst,

heute noch schönes Auge.

Dein unerkanntes Leben:

wo im Nebel die Grenzpfähle standen.

Nur Weniges klärt sich,

so viel ich weiß.

Nichts weiter vom Tod.

Doch mehr vom wortlosen Rückhalt-

ballt sich auch hilflos

die getreue Hand.

Das Geträumte aber,

ähnlich dem Schneeduft im Garten,

wird hin und her wandern

von Schatten zu Schatten.

Heinz Piontek







Alternde Landschaft,

wo eine begonnene Stadt

zäh ins Weidegras wächst,

Ihre Stimme

von elektrischer Musik verzehrt wird-

Hinfälligkeit zernagt die Grabenwände,

verlorene Zeit

spült das seichte, versicherte Dasein,

das schwarze Kreide als Gleichung entwarf

auf der Bauhüttenwand

sachlicher Illusion.

Heinz Piontek







Auch in

Anemonen und Nelken ist das Reich

und die Herrlichkeit,

Herr,

für den,

der es sieht,

der durch alles hindurchsieht -

Auch in uns ist ein Lobgesang,

Preislied und Dankgebet,

Schweigen und

Staunen vor dir,

für den, der es sieht,

der durch alles hindurchsieht

Auch in uns ist Gleichnis

und Wahrheit

und Leben und Fest-

Schimmer und Skizze

des schönen Schöpfers und

Herrn,

hier unter uns.

Sein Wohlgeruch erfüllt alle

Welt,

und hinter allem

leuchtet auf sein Gesicht,

für den, der es sieht,

der durch alles hindurchsieht

mit durch-sichtigen Augen.

Silja Walter







Sprachtabus

Was habe ich mit euch zu schaffen,

heute, bei diesem unbotmäßigen

Morgenleuchten?

Ich räume dir Platz ein, Seele,

dem Sinnbild Gold und weisem Herbstwind,

wähle ruhig auch dich, Ferne,

altdorferblaues Wort.

Ich greife auf das verschlissene Glück

des Vertrauens zurück,

die mit Schweigen bedachte Freundschaft

unter den Menschen

oder Wehlaute der Liebe,

die man den Groschenschreibern überläßt.

Aus Oktavbänden hole ich mir den Gesang

in pfirsichfarbenen Röcken

Vorübergegeisterter.

Ja, ich sage,

daß wir das Schöne nicht fürchten müssen:

den Honig, den Apfel,

den Schwan -

daß Umarmungen nicht geschmäht werden

können von schwerer Folter.

Noch im Winter

wird Staunen sein

und Zärtlichkeit.

Du Wortschatz der Stammelnden und Toten!

Ankommen soll es mir heute

auf eine Kraftprobe

deinetwegen -

Der Geist und die Braut sprechen:

Komm.

Heinz Piontek







Das Pferd

Während der Sommerferien auf dem Gut meiner Großeltern weilend, pflegte ich mich, sooft ich es unbeobachtet tun konnte, in den Stall zu schleichen und meinem Liebling, einem breiten Apfelschimmel, den Nacken zu kraulen. Das war für mich nicht ein beiläufiges Vergnügen, sondern eine große, zwar freundliche, aber doch auch tief erregende Begebenheit. Wenn ich sie je von der sehr frisch gebliebenen Erinnerung meiner Hand aus, deuten soll, muß ich sagen: was ich an dem Tier erfuhr, war das Andere, die ungeheure Anderheit des Anderen, die aber nicht fremd blieb, wie die von Ochs und Widder, die mich vielmehr ihr nahen, sie berühren ließ. Wenn ich über die mächtige, zuweilen verwunderliche glattgekämmte, zu andern Malen ebenso erstaunlich wilde Mähne strich und das Lebendige unter meiner Hand leben spürte, war es, als grenzte mir an die Haut das Element der Vitalität selber, etwas, das nicht ich, gar nicht ich war, gar nicht ich-vertraut, eben handgreiflich das Andere, nicht ein anderes bloß, wirklich das Andere selber, und mich doch heranließ, sich mir anvertraute, sich elementar mit mir auf Du und Du stellte. Der Schimmel hob, auch wenn ich nicht damit begonnen hatte, ihm Hafer in die Krippe zu schütten, sehr gelind den massigen Kopf, an dem sich die Ohren noch besonders regten, dann schnob er leise, wie ein Verschworner seinem Mitverschwornen ein nur diesem vernehmbar werden sollendes Signal gibt, und ich war bestätigt. Einmal aber - ich weiß nicht, was den Knaben anwandelte, jedenfalls war es kindlich genug - fiel mir über dem Streicheln ein, was für einen Spaß e mir doch machte, und ich fühlte plötzlich meine Hand. Das Spiel ging weiter wie sonst, aber etwas hatte sich geändert, es war nicht mehr Das. Und als ich tags darauf, nach einer reichen Futtergabe, meinem Freund den Nacken kraulte, hob er den Kopf nicht. Schon wenige Jahre später wenn ich an den Vorfall zurückdachte, meinte ich nicht mehr, das Tier habe meinen Abfall gemerkt; damals aber erschien ich mir verurteilt.

Martin Buber







Das Gebet des Windes in Grandchamp

Der wind stöhnt um das dach der alten scheune

wir singen und schweigen

das beten zu lernen

der wind stört mich beim schweigen

kannst du nicht still sein

fahr ich ihn an

sieh doch die frommen frauen

und weißt du nichts von christus

der uns gelehrt hat

für die verhungernden einzutreten

Der wind heult um das dach der alten scheune

die eine kirche ist

das beten zu lernen

es ist nicht der wind der stört beim schweigen

hör mir doch zu

lacht er und schlägt sich gegen das dach

laß es doch sausen dein ich

und weißt du nichts vom tao

das uns gelehrt hat

nicht gegen den wind zu leben

Der wind singt um das dach der alten scheune

die eine art heimat wird

das beten zu lernen

endlich bin ich so still geworden

daß ich den wind beten höre

um die alte erde

ihre dächer und ihre antennen

daß nicht nur unsere der menschen musik da sei

singt er die ganze nacht

sein wüstes hallelujah

für die die wir vergessen

Mach uns demütiger bruder wind

mach uns zornig

wenn du uns beten hilfst

so hilf auch kämpfen

sing vom tao

und sing von christus

Dorothee Sölle







Was ich mir wünsche

Die Unermüdlichkeit der Drossel, da es

dunkelt, den Gesang zu erneuern.

Den Mut des Grases, nach so viel

Wintern zu grünen.

Die Geduld der Spinne, die ihrer Netze

Zerstörung nicht zählt.

Die Kraft im Nacken des Kleibers.

Das unveränderliche Wort der Krähen.

Das Schweigen der Fische gestern,

Den Fleiß der Holzwespen, die Leichtigkeit

ihrer Waben.

Die Unbestechlichkeit des Spiegels.

Die Wachheit der Uhr.

Den Schlaf der Larve im Acker.

Die Lust des Salamanders am Feuer,

Die Härte des Eises, das der Kälte

trotzt, doch schmilzt im Märzlicht der Liebe.

Die Glut des Holzes, wenn es verbrennt.

Die Armut des Winds.

Die Reinheit der Asche, die bleibt.

Rudolf Otto Wiemer







An die Zitterpappel

Gut,

daß du da bist.

Dein Grün zittert

mittags im Licht.

Zittert nachts

ohne Mond, ohne Wind.

Du birgst das Nest der Krähe,

des Kummervogels.

Du hütest das Wasser, das

rasch davonfließt.

Immer höher wächst du,

immer vollere Krone.

Wächst über das Dach des Vaters,

der lange tot ist,

der sagte, sooft ihm bang war:

"Gut, daß du da bist, Baum. Du

zitterst und wächst,

zitterst und wächst zugleich."

Rudolf Otto Wiemer







Dich loben im Abfall

Gott, der du sprichst in vielerlei Sprachen,

lehre mich dein Esperanto.

Der du einlädst,

deine Vorstellungen zu besuchen,

verschaffe mir eine Platzkarte.

Der du die Zeitungen vollschreibst täglich,

verrate mir dein Alphabet.

Der du immer neue Anschläge ersinnst,

mache mich zu deiner Plakatwand.

Der du schreien läßt deine Leuchtreklamen,

laß mich aufmerken im Dunkel.

Der du fliehst aus den Kirchen,

stärke meine Hartnäckigkeit, dich einzuholen.

Der du dich hinter Masken versteckst,

laß mich deinen Karneval verachten.

Der du ankommst auf den Bahnsteigen,

zeige mir deinen Fahrplan.

Der du dich zählen läßt im Portemonnaie,

korrigiere meine Berechnungen.

Der du wohnst in Motoren und Auspuffgasen,

steh an der Kreuzung, sei Ampel und Stoppschild.

Der du dich auf hältst an den Grenzen,

bringe meinen Paß in Ordnung.

Der du den Dschungel bevorzugst,

instruiere mich, deinen Guerillero.

Der du lachst hinter den Fernsehschirmen,

mache lächerlich meine Melancholie.

Bewege mein Zwerchfell, dich einzuatmen.

Der du die Müllkübel durchwühlst, Gott,

verschließe meinen Mund nicht, dich zu

loben im Abfall.

Rudolf Otto Wiemer







"Guten Tag", sagte der kleine Prinz.

"Guten Tag", sagte der Händler.

Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr, zu trinken.

"Warum verkaufst du das?", sagte der kleine Prinz.

"Das ist eine große Zeitersparnis", sagte der Händler. "Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche"

"Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?"

"Man macht damit, was man will..."

"Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte", sagte der kleine Prinz, "würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen...""

"Die Wüste ist schön", fügte er hinzu ...

Und das war wahr. Ich habe die Wüste immer geliebt. Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts, Und währenddessen strahlt etwas in der Stille.

"Es macht die Wüste schön", sagte der kleine Prinz, "daß sie irgendwo einen Brunnen birgt."

Ich war überrascht, dieses geheimnisvolle Leuchten des Sandes plötzlich zu verstehen. Als ich ein kleiner Knabe war, wohnte ich in einem alten Haus, und die Sage erzählte, daß darin ein Schatz versteckt sei. Gewiß, es hat ihn nie jemand zu entdecken vermocht, vielleicht hat ihn auch nie jemand gesucht. Aber er verzauberte dieses ganze Haus. Mein Haus barg ein Geheimnis auf dem Grunde seines Herzens ...

Antoine de Saint-Exupéry







"Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin.

Mach mich griffsicherr in der richtigen Zeiteintellung. Schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist.

Laß mich erkennen, daß Träume nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft, Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müßte im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, daß Schwierigkeiten, Niederlagen, Mißerfolge, Rückschlöge eine selbstverstöndliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.

Erinnere mich daran, daß das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, daß ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.

Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die 'unten' sind.

Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.

Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!"

Antoine de Saint-Exupéry







Ich betrachte einen Baum.

Ich kann ihn als Bild aufnehmen:

starrender Pfeiler im Anprall des Lichts,

oder das spritzende Gegrün

von der Sanftmut des blauen Grundsilbers

durchflossen.

Ich kann ihn als Bewegung verspüren:

das flutende Geöder

am haftenden und strebenden Kern,

Saugen der Wurzeln, Atmen der Blätter,

unendlicher Verkehr mit Erde und Luft -

und das dunkle Wachsen selber,

Ich kann ihn einer Gattung einreihen

und als Exemplar beobachten,

auf Bau und Lebensweise.

Ich kann seine Diesmaligkeit

und Geformtheit so hart überwinden,

daß ich ihn nur noch als Ausdruck

des Gesetzes erkenne -

der Gesetze,

nach denen ein stetes Gegeneinander

von Kräften sich stetig schlichtet,

oder der Gesetze,

nach denen die Stoffe sich mischen

und entmischen.

Ich kann ihn zur Zahl, zum reinen Zahlenverhältnis

verflüchtigen und verewigen.

In all dem bleibt der Baum mein Gegenstand

und hat seinen Platz und seine Frist,

seine Art und Beschaffenheit.

Es kann aber auch geschehen,

aus Willen und Gnade in einem,

daß ich, den Baum betrachtend,

in die Beziehung zu ihm eingefaßt werde,

und nun ist er kein ES mehr.

Die Macht der Ausschließlichkeit

hat mich ergriffen.

Dazu tut not,

daß ich auf irgendeine der Weisen

meiner Betrachtung verzichte.

Es gibt nichts,

wovon ich absehen müßte, um zu sehen,

und kein Wissen, das ich zu vergessen hätte.

Vielmehr ist alles, Bild und Bewegung,

Gattung und Exemplar, Gesetz und Zahl,

mit darin, ununterscheidbar vereinigt.

Alles, was dem Baum zugehört, ist mit darin,

seine Form und seine Mechanik,

seine Farben und seine Chemie,

seine Unterredung mit den Elementen

und seine Unterredung mit den Gestirnen,

und alles in einer Ganzheit.

kein Eindruck ist der Baum,

kein Spiel meiner Vorstellung,

kein Stimmungswert,

sondern er bleibt mir gegenüber

und hat mit mir zu schaffen,

wie ich mit ihm - nur anders.

Man suche den Sinn der Beziehung

nicht zu entkräften:

Beziehung ist Gegenseitigkeit.

So hätte er denn ein Bewußtsein, der Baum,

dem unsern ähnlich?

Ich erfahre es nicht,

Aber wollt ihr wieder,

weil es euch an euch geglückt scheint,

das Unzerlegbare zerlegen?

Mir begegnet keine Seele des Baums

und keine Dryode,

sondern er selber.

Martin Buber







Ein Blatt, baumlos, für Bertolt Brecht:

Was sind das für Zeiten,

wo ein Gespräch

beinah ein Verbrechen ist,

weil es soviel Gesagtes

mit einschließt?

Paul Celan







An die Nachgeborenen

Was sind das für Zeiten,

wo ein Gespräch über Bäume fast

ein Verbrechen ist

Weil es ein Schweigen über

so viele Untaten einschließt'.

Bertolt Brecht







Bäume

Wieder hat man in der Stadt

um Parkplätze zu schaffen,

Platanen gefällt.

Sie wußten viel.

Wenn wir in ihrer Nähe waren,

begrüßten wir sie als Freunde.

Inzwischen ist es fast

zu einem Verbrechen geworden,

nicht über Bäume zu sprechen,

ihre Wurzeln,

den Wind, die Vögel,

die sich in ihnen niederlassen,

den Frieden,

an den sie uns erinnern.

Walter Helmut Fritz







Gespräch über Bäume

Seit der Gärtner die Zweige gestutzt hat

sind meine Äpfel größer

Aber die Blätter des Birnbaums

sind krank. Sie rollen sich ein

In Vietnam sind die Bäume entlaubt

Erich Fried







Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können

und doch sein wie ein Baum

als bliebe die Wurzel im Boden

als zöge die Landschaft

und wir stünden fest

Man muß den Atem anhalten

bis der Wind nachläßt

und die freundliche Luft

um uns zu kreisen beginnt

bis das Licht von Spiel und Schatten

von Grün und Blau

die alten Muster zeigt

und wir zu Hause sind

wo es auch sei

und niedersitzen können

und uns anlehnen

als sei es an das Grab

unserer Mutter

Hilde Domin







Er lehnt an einen Baum

das Holz ist verkauft

das Land ist verpachtet

das Wasser verseucht

der Regen bringt die Vögel um

jemand zielt auf ihn

er hebt die Arme am schwarzen Holz

es ist nicht vollbracht

Dorothee Sölle







Sensible Wege

Sensibel ist

die Erde über den Quellen,

kein Baum darf

gefält, keine Wurzel

gerodet werden

Die Quellen könnten

Versiegen

Wie viele Bäume werden

gefält, wie viele Wurzeln

gerodet in uns

Reiner Kunze







Wasserfall

Wasser fließt über den Steinrand

glattgesichtig und spiegelt

nicht Jammer nicht Lachen

stürzt nur und lörmt in die Tiefe.

Vorbeifließend erscheint alles Stehende

als immer erneut Verlassenes.

Heinz Kattner







Der knorrige Baum

Meister Ki vom Südweiler wanderte zwischen den Hügeln von Schang. Da sah er einen Baum, der war größer als alle andern. Tausend Viergespanne hötten in seinem Schatten Platz finden können.

Der Meister Ki sprach: 'Was für ein Baum ist das! Der hat gewiß ganz besonderes Holz."

Er blickte nach oben, da bemerkte er, daß seine Zweige krumm und knorrig waren, so daß sich keine Balken daraus machen ließen. Er blickte nach unten und bemerkte, daß seine großen Wurzeln nach allen Seiten auseinandergingen, so daß sich keine Särge daraus machen ließen. Leckte man an einem seiner Blötter, so bekam man einen scharfen, beißenden Geschmack in den Mund; roch man daran, so wurde man von dem starken Geruch drei Tage lang wie betdubt. Meister Ki sprach: 'Das ist wirklich ein Baum, aus dem sich nichts machen läßt. Dadurch hat er seine Größe erreicht. Oh, das ist der Grund, warum der Mensch des Geistes unbrauchbar für das Leben ist."

Dschuong Dsi







Herr, lehre mich schweigen,

In mir ist so viel Lärm.

Meine Gedanken sind so verwirrt

von der Unruhe des Tages.

Bilder bedrängen mich,

Nachrichten, Meinungen,

Auseinandersetzungen,

Erlebnisse und Wünsche.

Sie fordern mich,

sie ergreifen mich,

sie zerstreuen meine Kräfte.

Herr, lehre mich Abstand gewinnen

von mir selbst

und von Dingen,

die nur wichtig scheinen.

Herr, gib mir Kraft zur Konzentration.

Ich schließe meine Augen.

Ich atme die Stille in mich hinein.

Ich gehe weit von mir weg.

In Deinem Schweigen

finde ich mich wieder.

Dort bin ich Dein,

Aktion 365







Rätsel

Frag den, der alles bewegt,

In allem Leben sich regt,

Der alles dir heilig spricht,

Die Finsternis schuf und das Licht.

Frag ihn nach dem tieferen Sinn,

Nach allem Woher und Wohin,

Noch allem Warum und Wozu,

Wann Sturm und wann innerste Ruh.

Und ob auch der Himmel verhängt

Und manches in Wirrnis sich drängt,

Und ob er auch lange dir schweigt -

So wart, bis ein Zeichen sich zeigt,

Ein Ton in dem Beben erklingt,

Ein Vogel in Nächten dir singt,

Ein Rätsel sich leuchtend enthüllt,

Wann immer die Zeit ist erfüllt.

Gerd Herrmann







Schöner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht,

Schöner als die Sterne, die berühmten Orden der Nacht,

Viel schöner als der feurige Auftritt eines Kometen

Und zu weit Schönerem berufen als jedes andre Gestirn,

Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr höngt, ist die Sonne.

Schöne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat

Und beendet, am schönsten im Sommer, wenn ein Tag

An den Küsten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel

Über dein Aug ziehn, bis du müde wirst und das letzte verkürzt.

Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein ...

Nichts Schönres als den Stab im Wasser zu sehen und den Vogel oben,

Der seinen Flug überlegt, und unten die Fische im Schwarm,

Gefärbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht.

Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewunderung gebührt,

Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht,

Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht,

Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst

Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.

Ingeborg Bachmann







Reisen

Meinen Sie Zürich zum Beispiel

sei eine tiefere Stadt,

wo man Wunder und Weihen

immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,

weiß und hibiskusrot,

bräche ein ewiges Manna

für Ihre Wüstennot?

Bahnhofstraßen und Rueen

Boulevards, Lidos, Laan -

selbst auf den Fifth Avenueen

fällt Sie die Leere an

ach, vergeblich das Fahren!

Spät erst erfahren Sie sich:

bleiben und stille bewahren

das sich umgrenzende Ich.

Gottfried Benn







Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!

Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.

Auch zu dir kommt es, der weit entfernt wohnt von den Stätten, wo Blut vergossen wird,

auch zu dir und deinem Nochmittagsschlaf, worin du ungern gestört wirst.

Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen, aber sei gewiß.

'Oh, angenehmer Schlaf

auf den Kissen mit roten Blumen,

einem Weihnachtsgeschenk von Anita, woran sie drei Wochen gestickt hat,

oh, angenehmer Schlaf,

wenn der Braten fett war und das Gemüse zart.

Man denkt im Einschlummern an die Wochenschau von gestern abend:

Osterlämmer, erwachende Natur, Eröffnung der Spielbank in Baden-Baden,

Cambridge siegte gegen Oxford mit zweieinhalb Längen,

das genügt, das Gehirn zu beschäftigen.

Oh, dieses weiche Kissen, Daunen aus erster Wahl!

Auf ihm vergißt man das Ärgerliche der Welt, jene Nachricht zum Beispiel:

Die wegen Abtreibung Angeklagte sagte zu ihrer Verteidigung:

Die Frau, Mutter von sieben Kindern, kam zu mir

mit einem Säugling,

für den sie keine Windeln hatte und der

in Zeitungspapier gewickelt war.

Nun, das sind Angelegenheiten des Gerichts, nicht unsre.

Man kann dagegen nichts tun, wenn einer etwas härter liegt als der andere.

Und was kommen mag, unsere Enkel mögen es ausfechten."

"Ah, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!

Schon läuft der Strom in den Umzäunungen, und die Posten sind aufgestellt."

Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind.

Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!

Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird! Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!

Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Günter Eich







"Wüste"

Wo sollen wir Stille finden?

Wo gibt es noch Orte der Stille? Die Wüste ist weit weg

Wenn das kontemplative Leben nur hinter Klostermauern

oder im Schweigen der Wüste möglich wäre,

dann müßten wir, um gerecht zu sein,

jeder Famillenmutter ein kleines Kloster geben

und den Luxus einer kleinen Wüste dem Hilfsarbeiter,

der im Lärm einer Stadt leben muß,

um hart sein Brot zu verdienen.

So sieht die Wirklichkeit aus,

in der viele, die meisten Menschen leben.

Wenn du nicht in die Wüste gehen kannst,

mußt du dennoch in deinem Leben

Wüste machen.

Bring ein Stück Wüste in dein Leben,

verlaß von Zeit zu Zeit die Menschen,

such die Einsamkeit,

um im Schweigen und anhaltenden Gebet deine

Seele zu erneuern!

Das ist unentbehrlich.

Das bedeutet "Wüste" in deinem

geistlichen Leben.

Eine Stunde am Tag,

einen Tag im Monat, acht Tage im Jahr,

länger, wenn es nötig ist,

mußt du alles und alle verlassen,

um dich allein mit Gott zurückzuziehen.

Wenn du das nicht suchst

wenn du das nicht liebst,

mach dir keine Illusionen.

Denn nicht allein sein wollen

obwohl man es könnte -,

um die innige Nähe Gottes zu kosten,

ist ein Zeichen, daß es an dem Grundelement

der Beziehung zum allmächtigen Gott fehlt:

an der Liebe.

Ohne Liebe aber ist keine Offenbarung möglich.

Carlo Carretto







Tagelang hab ich den Acker gepflügt

Tage lang hab ich den Acker gepflügt, unzählige Furchen

Achtsam gezogen fürwahr, schnurgerad glaubt ich sie all.

Aber nun schau ich vom Hügel hinunter,

da, siehe, die meisten,

Leider gerieten mir krumm, wenige laufen gerad.

Ruhe, mein sorgliches Herz! Die Egge wird alles

verebnen,

O, ihre Zähne sind gut, wehren dem Zahne der

Zeit!

Himmel, erziehe mir du die zarten künftigen Saa

ten!

Einst, über Krumm und Gerad neigt sich das rei

fende Korn.

Hans Carossa









Zur Paradoxie des Menschseins

gehört das Überflüssige

als das Lebensnotwendige.

Ortego y Gasset







Die Seele ist der Stille nicht mehr fähig,

in der allein ihre Liebes- und Glaubenskraft sich sammelt,

ihre höchste Hoffnung gedeiht.

Wenn Gott schwiege

und der Mensch

noch immer nicht zu schweigen vermöchte,

ja der Mensch sich immer lauter gebärdete,

eben weil er fühlt-

nicht weiß und nicht wissen will-

daß Gott schweigt:

was dann?

Es würde sich mit den Völkern verhalten

wie mit den Bewohnern einer großen Stadt,

deren übergrelles Licht die Tiefe

des nächtlichen Himmels verdeckt,

so daß kein Blick hinaufdringt,

eingesponnen im mißfarbigen Lichtgewebe,

gefangen im selbsterzeugten Lärm,

liegt die Stadt in der ungeheuren Nacht,

deren Gestirne über sie herrschen.

Reinhold Schneider







Erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,

den eine ewige Mit-Spielerin

dir zuwarf, deiner Mitte, in genau

gekonntem Schwung, in einem jener Bögen

aus Gottes großem Brücken-Bau:

erst dann wird Fangen-Können ein Vermögen,-

nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar

zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,

nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest

und schon geworfen hättest, ...erst

in diesem Wagnis spielst du gültig mit.

Rainer Maria Rilke







Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,

siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,

aber wie klein auch, noch ein letztes

Gehöft von Gefühl. Erkennst du's?

Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund

unter den Händen. Hier blüht wohl

einiges auf; aus stummem Absturz

blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.

Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann

und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.

Da geht wohl, heilen Bewußtseins,

manches umher, manches gesicherte Bergtier,

wechselt und weilt, Und der große geborgene Vogel

kreist um der Gipfel reine Verweigerung. -Aber

ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens ...

Rainer Maria Rilke







Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen dich, du hohes Mittelschiff.

Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,

in unsern Händen hängt der Hammer schwer,

bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,

die strahlend und als ob sie Alles wüßte

von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern

und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.

Erst wenn es dunkelt, lassen wir dich los:

Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.

Rainer Maria Rilke







Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt

Er voll der Marmorschale Rund,

Die, sich verschleiernd, überfließt

In einer zweiten Schale Grund;

Die zweite gibt, sie wird zu reich,

Der dritten wallend ihre Flut,

Und jede nimmt und gibt zugleich

Und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer







Welt und ich

Im großen ungeheuren Ozeane

willst du, der Tropfe, dich in dich verschließen?

so wirst du nie zur Perl' zusammenschießen,

wie dich auch schütteln Fluten und Orkane

Nein: öffne deine innersten Organe

und mische dich im Leiden und Genießen

mit allen Strömen, die vorüberfließen,

dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane.

Und fürchte nicht, so in die Welt versunken,

dich selbst und dein Ur-Eig'nes zu verlieren:

der Weg zu dir führt eben durch das Ganze!

Erst wenn du kühn von jedem Wein getrunken,

wirst du die Kraft im tiefsten Innern spüren,

die jedem Sturm zu steh'n vermag im Tanze!

Friedrich Hebbel







Hier, wo man steht

Rabbi Bunam erzählte den Jünglingen, die zum erstenmal zu ihm kamen, die Geschichte von Eisik, Sohn Jekels, in Krakau. Dem war noch Jahren schwerer Not, die sein Gottvertrauen nicht erschüttert hatten, im Traum befohlen worden, in Prag unter der Brücke, die zum Königsschloß führt, noch einem Schatz zu suchen. Als der Traum zum drittenmal wiederkehrte, machte sich Eisik auf und wanderte nach Prag. Aber an der Brücke standen Tag und Nacht Wachposten, und er getraute sich nicht zu graben. Doch kam er an jedem Morgen zur Brücke und umkreiste sie bis zum Abend. Endlich fragte ihn der Hauptmann der Wache, auf sein Treiben aufmerksam geworden, ob er hier etwas suche oder auf jemand warte, Eisik erzählte, welcher Traum ihn aus fernem Land hergeführt habe. Der Hauptmann lachte: "Und da bist du armer Kerl mit deinen zerfetzten Sohlen einem Traum zum Gefallen hergepilgert! Ja, wer den Träumen traut! Da hätte ich mich ja auch auf die Beine machen müssen, als es mir einmal im Traum befahl, nach Krakau zu wandern und in der Stube eines Juden, Eisik, Sohn Jekels, sollte er heißen, unterm Ofen nach einem Schatz zu graben. Eisik, Sohn Jekels! Ich kann's mir vorstellen, wie ich drüben, wo die Hälfte der Juden Eisik und die andere Jekei heißt, alle Häuser auf reiße! "

Und er lachte wieder. Eisik verneigte sich, wanderte heim, grub den Schatz aus und baute das Bethaus, das Reb-Eisik-Sohn-Jekelsschul heißt, 'Merke dir diese Geschichte", pflegte Rabbi Bunam hinzuzufügen, "und nimm auf, was sie dir sagt: daß es etwas gibt, was du nirgends in der Welt finden kannst, und daß es doch einen Ort gibt, wo du es finden kannst.

Elie Wiesel







Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

Joseph v. Eichendorff







Wir träumen von Reisen durch das Weltall:

ist denn das Weltall nicht in uns?

Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht.

Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.

In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit

mit ihren Weiten, die Vergangenheit

und Zukunft.

Novalis







Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen,

Wenn die, so singen oder küssen,

mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freie Leben

und in die Weit wird zurückbegeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu echter Klarheit werden gatten,

Und man in Mörchen und Geschichten

Erkennt die wahren Weltgeschichten,

Dann fliegt vor einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis







Ich hab es Einmal gesehen, das

Einzige,das meine Seele suchte,

und die Vollendung, die wir über

die Sterne hinauf entfernen,

die uns hinausschieben bis ans

Ende der Zeit, die habe ich

gegenwärtig gefühlt. Es war da,

das Höchste, in diesem Kreis der

Menschennatur und der Dinge war

es da.

Friedrich Hölderlin







Gib mir die Gelassenheit,

Dinge hinzunehmen,

die ich nicht ändern kann;

gib mir den Mut,

Dinge zu ändern,

die ich ändern kann,

und gib mir die Weisheit,

das eine vom andern

zu unterscheiden.

Friedrich Christoph Oetinger







Ein Blinder, der nicht ganz blind ist,

läßt sich vom Blindenführer

nicht gern leiten. Wenn er nur

ein bißchen sieht, meint er,

der Pfad vor ihm sei der beste.

Er sieht ja die anderen, besseren nicht.

Johannes vom Kreuz







Mensch, werde wesentlich:

denn wann die Weit vergeht,

so fällt der Zufall weg,

das Wesen, das besteht.

Du reisest vielerlei

zu sehn und auszuspähn.

Hast du nicht Gott erblickt,

so hast du nichts gesehn.

Die Ros' ist ohn' Warum,

sie blühet, weil sie blüht.

Sie acht' nicht ihrer selbst,

fragt nicht, ob man sie sieht.

Die Schöpfung ist ein Buch:

wer's weislich lesen kann,

dem wird darin gar fein

der Schöpfer kundgetan.

Angelus Silesius







Schließ Aug und Ohr für eine Weil

vor dem Getös der Zeit.

Du heilst es nicht und hast kein Heil,

als wo dein Herz sich weiht.

Altes Lied







Keine Zeit, ein Heiliger zu sein?

Herr der Töpfe und Pfannen, ich habe keine Zeit, ein Heiliger zu sein und Dir zum Wohlgefallen in der Nacht zu wachen, auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einem Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche,

Nimm an meine rauhen Hände, weil sie für Dich rauh geworden sind.

Kannst du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen, der himmlische Harmonie hervorbringt auf einer Pfanne?

Sie ist so schwer zu reinigen und ach, so abscheulich.

Hörst Du, lieber Herr, die Musik, die ich meine?

Die Stunde des Gebetes ist vorbei, bis ich mein Geschirr vom Abendessen gespült habe, und dann bin ich sehr müde.

Wenn mein Herz noch am Morgen bei der Arbeit gesungen hat, ist es am Abend schon längst vor mir zu Bett gegangen.

Schenke mir, Herr, Dein unermüdliches Herz, daß es in mir arbeite statt des meinen,

Mein Morgengebet habe ich in die Nacht gesprochen zur Ehre Deines Namens.

Ich habe es im voraus gebetet für die Arbeit des morgigen Tages, die genau dieselbe sein wird wie heute.

Herr der Töpfe und Pfannen, bitte darf ich Dir anstatt gewonnener Seelen die Ermüdung anbieten, die mich ankommt beim Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen?

Erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse; nicht nur um Treppen zu sparen, sondern, daß mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde.

Obgleich ich Martha-Hände habe, hab' ich doch ein Maria-Gemüt, und wenn ich die schwarzen Schuhe putze, versuche ich, Herr, Deine Sandalen zu finden. Ich denke daran, wie sie auf Erden gewandelt sind, wenn ich den Boden schrubbe.

Herr, nimm meine Betrachtung an, weil ich keine Zeit habe für mehr.

Herr, mache Dein Aschenbrödel zu einer himmlichen Prinzessin;

erwärme die ganze Küche mit Deiner Liebe und erleuchte sie mit Deinem Frieden.

Vergib mir, daß ich mich so absorge, und hilf mir, daß mein Murren aufhört.

Herr, der Du das Frühstück am See bereitest hast, vergib der Weit, die da sagt: 'Was kann denn aus Nazareth Gutes kommen?"

Teresa von Avila







Sonnengesang

Höchster, mächtiger, gütiger Herr,

dein ist der Preis, die Herrlichkeit, die Ehre und jeglicher Segen:

Dir allein gebühren sie,

und der Menschen keiner ist würdig, dich zu nennen.

Sei gepriesen, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,

vornehmlich mit unserer Schwester, der Sonne:

Sie wirket den Tag und schenkt uns durch ihn das Licht.

Schön ist sie und strahlend in großem Glanze und deines Wesens, Allerhöchster, ein Gleichnis.

Sei gepriesen, mein Herr, durch unseren Bruder, den Mond, und die Sterne:

Du hast sie am Himmel gebildet, leuchtend, kostbar und schön.

Sei gepriesen, mein Herr, durch unsern Bruder, den Wind,

durch die Luft und die Wolken, durch die heitern und düsteren Tage,

durch welche du deinen Geschöpfen Dauer verleihst.

Sei gepriesen, mein Herr, durch unsere Schwester, das Wasser:

Nützlich ist es sehr, voll Demut, köstlich und keusch.

Sei gepriesen, mein Herr, durch unsern Bruder, das Feuer,

durch welchen du die Nächte erleuchtest.

Schön ist es, heiter, sehr stark und gewaltig.

Sei gepriesen, mein Herr, durch unsere Schwester, die Mutter Erde,

welche uns nährt und erhält

und viele Früchte gebiert und bunte Blumen und Kräuter.

Sei gepriesen, mein Herr, durch die, welche verzeihen aus Liebe zu dir,

die ausharren in Mühsal und Leid.

Selig die, weiche dulden in Frieden,

denn du, Allerhöchster, wirst sie krönen.

Sei gepriesen, mein Herr, durch unsern Bruder, den leiblichen Tod:

Keiner der Lebenden kann ihm entrinnen,

Weh denen, die sterben in tödlicher Sünde,

und selig die, welche ruhen in deinem heiligsten Willen,

denn der zeitliche Tod kann ihnen nicht schaden.

Preiset und lobet meinen Herrn und saget ihm Dank:

Und dienet ihm in großer Demut.

Franz von Assisi







Jedoch die äußeren Erscheinungsformen sind den geübten Menschen nichts äußerliches, denn Dinge haben für die innerlichen Menschen eine inwendige göttliche Seinsweise.

Meister Eckhart







Die Zeit

Was ist an ihr wirklich? Bei genauem Hinsehen allein die Gegenwart, das Jetzt. Vergangenheit existiert nur in unserer Erinnerung, Zukunft nur in unserer Erwartung. Damit sind beide nicht eigentlich wirklich. Es ist die Beschränktheit unseres menschlichen Bewußtseins, die das immer Seiende allein im Nacheinander zu fassen vermag. Was aber in nicht endender Folge vor uns auftaucht und vorüberzieht, das ist vor Gottes Auge alles gleich gegenwärtig ...

Aurelius Augustinus







Alles Wirkliche trägt nicht nur ein vordergründiges Gesicht,

sondern wird hintergründig von etwas Tieferem durchwaltet.

Thales von Milet







Zeit. Zeit, das ist sie wieder. Wer einmal über sie nachgedacht hat, versteht nicht, wie man nicht über sie nachdenken kann. Das Ende der Zeit: die mit uns essende Frage. Da wir unablässig auf Enden zueilen, auf das Ende eines Tages, einer Stunde, auf einer Arbeit herbeigewünschtes, auf eines Glückes herbeigefürchtetes Ende: Zeit ist 'in jedem Fall Endzeit. Zeit ist schon Ende. Sog, dem kein Sandkorn entrinnt.

Über die Zeit nachdenken kann man nur als Christ, ob man es weiß oder nicht; als Christ oder gar nicht. Man ist Christ, ob man es weiß oder nicht, wenn einem Zeit fragwürdig und, einmal eingefangen, das Fragwürdigste vom Fragwürdigen wird. Wenn 'Zeit" der modernen Physik dasselbe wie "Raum" ist: wie nah rückt dann die augustinische Einsicht herbei, Raum, Zeit und das darin befangene Ich nur verschiedene Begriffe für ein und dasselbe sind: für eine Trennung von der Kraft und der Herrlichkeit und der Fülle.

Ohne zu wissen, wir seien auf dem Millionenstäubchen einer platzenden Granate zuhaus, wie Einstein nun lehrte, also ohne den zweifelhaften Aufwand der modernen Physik, haben alle Zeiten die Wendung gefunden: Ruhen in Gott: Meeresstille, glanzvolle Stille. Eherner Himmel darüber. Nun, da sich das Zeitliche auch physikalisch als die Unruhe aller Unruhen erweist, kommt die Wissenschaft darauf zurück. Viel Neues wars also eigentlich nicht, was sie in vierhundertjähriger Anstrengung sich vorzutragen anschickte. Auch wurde es früher schöner gesagt.

Erhart Kästner







Haiku

In Windenblüten

trat mir vor Augen

das eigne Leben

Als ob zum Zweige

im Fall die Blüte heimkehrt -

es ist ein Falter!

Vor weißen Astern

hält eine Welle inne

die Blumenschere -

Die weißen Astern

erschienen mir viel höher

im Rot des Morgens

Aus Windenblüten

taucht auf und kommt heraus

der alte Meister

Um mein Brunnenseil

rankte eine Winde sich -

gib mir Wasser - Freund!

Die Trichterwinde -

des tiefen Abgrunds Farbe

in einer Blüte

Die Windenblüte

ging ganz gelassen auf

im Winde morgens -

Tönt es im Kelche

der Windenblüte?

Die Meise wispert hinein -

Die Lotosblüte

hat schwankend noch gezittert

bevor sie abfiel -

Die Lotosblätter

die Tau von dieser Weit doch

ganz leicht gebeugt hat -

Im Niederhägen

Umfangen dort den Felsen

Glyzinenblüten -

Die Windenranke

verspielt umfängt sie

des Nachbarn Apfelbäumchen

Im Vollmondlicht

so unerwartet einsam

die Eibischhecke -

Geduld

Winde mögen wehen,

Die rauh sind,

Aber die Weide!

Sengai







Ein alter Teich,

Ein Frosch springt hinein

Das Geräusch des Wassers.

Basho







Tief in den Bergen

weiß man noch nichts

vom Frühling.

An der Kleferntür langsam

erst rinnen herab

Perlen tauenden Schnees.

Prinzessin Shikishi







Ich habe nicht viele Zen-Klöster aufgesucht. Zufällig nur und gelassen bin ich meinem alten Meister T'ien-t'ung (Ju-ching) begegnet, und ich habe dann sogleich verstanden: Die Augen sind waagerecht, die Nase ist senkrecht. Ganz und gar unberührt von Irreführungen anderer, bin ich heimgekehrt mit leeren Händen. So nenne ich nicht ein Fäserchen vom Dharma des Buddha mein eigen. Nun lasse ich die Zeit verstreichen und nehme hin, was immer kommen mag.

Jeden Morgen geht im Osten die Sonne auf.

Jeden Abend geht im Westen der Mond unter.

Die Wolke zieht sich zurück, der Berg entblößt sein Gebein,

Regen zieht vorüber, niedrig im Umkreis die Hügel.

Wie sieht es noch alldem aus? (Pause)

Nach drei Jahren ist ein Schaltjahr.

Hähne krähen des Morgens zur fünften Stunde.

Dogen







Das Tun sei Nicht-Tun,

Das Geschäft sei Nicht-Geschäft,

Der Genuß sei Nicht-Genuß,

Das Große sei Kleines,

Das Viele sei Weniges.

Nicht-Tun, und doch bleibt nichts ungetan.

Lao-tse







O großer Geist, dessen Stimme ich in den Winden vernehme

und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet, höre mich.

Ich trete vor dich hin als eines deiner vielen Kinder.

Ich bin klein und schwach. Ich bedarf deiner Kraft und Weisheit.

Laß mich in Schönheit wandeln

und meine Hände immer den roten purpurnen Sonnenuntergang schauen.

Laß meine Hände die Dinge verehren, die du gemacht hast,

und meine Ohren deine Stimme hören.

Schenke mir Weisheit, daß ich die Lehre,

die du in jedem Blatt und jedem Felsen verborgen hast,

erkennen möge.

Gebet der Sioux







Es waren zwei Mönche, die lasen miteinander in einem alten Buch, am Ende der Welt gebe es einen Ort, an dem der Himmel und die Erde sich berühren. Sie beschlossen, ihn zu suchen und nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren, erlitten alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt fordert, und alle Versuchungen, die einen Menschen von seinem Ziel abbringen können. Eine Tür sei dort, so hatten sie gelesen, man brauche nur anzuklopfen und befinde sich bei Gott. Schließlich fanden sie, was sie suchten, sie klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete, und als sie eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle.

Da begriffen sie: Der Ort, am dem Himmel und Erde sich berühren, befindet sich auf dieser Erde, an der Stelle, die uns Gott zugewiesen hat.







Die Brille. Der alte Rabbi Jizchak war beim Talmudstudium unterbrochen worden. Während er sich wieder vor die Bücher setzt, tappt er nach der Brille, die nicht wie gewohnt im Buch liegt ...

Er überlegt: 'Jeden Tag trag ich beim Lesen die Brille, und wenn ich aufhör, leg ich die Brille ins Buch, Wenn ich das täglich tu, hab ich's heute auch getan. Wenn ich es aber getan hab, muß die Brille drin liegen. Sie liegt aber nicht drin. Was heißt: Sie liegt nicht drin? Sie liegt nicht drin, heißt: Die Brille ist weg. Was heißt: Sie ist weg? Von allein kann sie doch nicht weg sein. Also muß sie jemand genommen haben. Wer kann die Brille genommen haben? Die Brille kann einer genommen haben, der eine Brille braucht. Einer, der eine Brille braucht, der hat doch eine Brille und braucht nicht meine Brille. Einer, der keine Brille braucht, der braucht meine Brille auch nicht. Also - kann sie keiner genommen haben. Hat aber keiner die Brille genommen, so muß sie doch da sein! Seh ich doch, daß sie nicht da ist! Was heißt ich seh? Sehen kann ich doch nur mit der Brille. Ohne Brille seh ich doch nicht. Wenn ich also seh, daß die Brille nicht da ist -muß ich die Brille noch tragen" - und er greift an die Nase - das Beweisstück ist da! Oh!

Chassidische Geschichte






Mein Glaube

Wenn ihr Glauben habt

wie ein Senfkorn,

so könnt ihr sagen

zu diesem Berge:

Hebe dich dorthin!,

so wird er sich heben;

und euch wird

nichts unmöglich sein.

Matthäus 17,20





Wie der Eisvogel erschaffen wurde zum Fischefangen und der Schmetterling zum Nektarsaugen, so ist der Mensch zur Kontemplation bestimmt und zur Liebe zu Gott.

Gott ist überall, nicht nur in unserem Inneren. Er ist aber auch in unserer Seele, und wenn wir uns Seiner Gegenwart bewußt werden, wollen wir sie auch auskosten. Dann ziehen wir uns zurück in die Einsamkeit und in die Stille. Wir wollen nicht, daß sich irgendeine andere Kreatur in unserer Seele widerspiegelt, wir wollen nur den Widerschein Gottes auf uns.

Gott widerspiegelt sich in der Einsamkeit und im Frieden wie der Himmel im ruhigen See. Und es genügt, daß sich die Seele beruhige und reinige, damit sich auf ihrer Oberfläche das Antlitz Gottes widerspiegele.

Wir sind nur Spiegel Gottes, geschaffen, um Gott in uns aufzunehmen. Das Wasser kann noch trübe sein, aber auch so widerspiegelt es den Himmel.

Ernesto Cardenal







Du strömendes Du

Wie Tau auf den Gräsern

liegst Du auf meinen Gedanken,

Wie ein Morgen breitest Du Dich aus

über meine Tiefen.

Wie ein Abend hüllst Du uns ein

in Dein Schweigen,

Du bleibendes Antlitz

hinter unseren flüchtigen Blicken,

Du strömendes Du hinter meiner Maske.

Du Ozean in den Augen der Guten,

Du Friede in den Händen der Liebenden,

Du reiches, fließendes,

unaufhaltsames, unerschöpfliches DU!

Du helles, Du dunkles Du!

Du überdachst mich mit dem Zeit

Deines Alls.

Du birgst mich,

Du erziehst mich zur Weite,

indem Du mich aus dem Paradies vertreibst.

Du hast mich aus dem Nest geworfen.

Einen unruhigen Geist hast Du

in meinen Lehm gehaucht.

Du läßt mich nicht ruhen.

Wie Abraham

drängst Du mich aus Ur in Chaldäa

Jahrzehnte werden vergehen,

bis Licht und Dunkel geeint sind in mir,

wie sie eins sind in Dir.

Martin Gutl







Auferstehung des Fleisches?

Sotto voce

als gält's

vor Kirchenräten

ein obszönes Geständnis zu machen

gebe ich zu:

oft mag ich

das Wort von der

"Auferstehung des Fleisches".

Ha! Wie verwirft

Freund I:

seine Hände:

O Schnapsidee verschrobener Mönche!

Dann eben,

nun gut:

doch ließ

mich die Schnapsidee

nie mehr

ganz los.

Um so mehr

bedrängt mich

Freund II:

Wie aber

und wo denn?

O Mann

wenn ich

nur wüßte:

auch ich

vermag mir

nichts vorzustellen dabei

Freund III:

(ein Ireniker)

schlägt

Begriffserklärungen

vor:

Sagen wir nobler doch

"Auferstehung des Leibes"

oder noch besser vielleicht

"Auferstehung der Person"

Da aber

und plötzlich

tauchen

vor meinem

Innenaug' auf:

die Frauen

die Männer

die Kinder

blutig geschlagen

zu Krüppeln geschossen

in Kerkern gefoltert

und

elend krepiert

oder

napalmverbrannt

oder strahlenverseucht:

zerfetztes

gequältes

betrogenes

Fleisch!





Und ich

frag' mich

und frage

die Freunde:

Verspricht "Auferstehung des

Fleisches"

am Ende vielleicht

den heiligen Zorn des verratenen

Schöpfers,

den Triumph des hingerichteten

Sohnes

die Sehnsucht der exilierten

Geistin

nach einer Heimat endlich im

Fleisch?

Kurt Marti







Und wie jeder von euch allein

steht in Gottes Wissen,

ebenso muß jeder von euch allein

sein in seinem Wissen um Gott

und seinem Verstehen der Erde.

Kahlil Gibran







Ich halte Jesus von Nazareth für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat. Ich denke, daß die Kraft seiner Phantasie aus dem Glück heraus verstanden werden muß. Alle Phantasie ist ins Gelingen verliebt, sie läßt sich etwas einfallen und sprengt immer wieder die Grenzen und befreit die Menschen, die sich unter diesen Grenzen in Opfer und Entsagung, in Repression und Rache ducken und sie so ewig verlängern. Jesus erscheint in der Schilderung der Evangelien als ein Mensch, der seine Umgebung mit Glück ansteckte, der seine Kraft weitergab, der verschenkte, was er hatte. Das konventionelle Bild von Jesus hat immer seinen Gehorsam und seinen Opfersinn in den Vordergrund gestellt. Aber Phantasie, die aus Glück geboren wird, scheint mir eine genauere Beschreibung seines Lebens. Sogar sein Tod wäre mißdeutet als das tragische Scheitern eines Glücklosen, er wäre zu kurz verstanden, wenn nicht die Möglichkeit der Auferstehung in Jesus selber festgehalten würde! Auferstehung als die weitergehende Wahrheit der Sache Jesu ist aber im Tode dieses Menschen gegenwärtig; er hat den Satz "ich bin das Leben" auch im Sterben nicht zurückgenommen.

Dorothee Sölle







Die Frage ist, ob nicht wieder eine Art der Anschauung des Zusammenhangs der Dinge nötig ist, die aus dem isolierenden und analytischen Griff herausführt. Es gibt ja den Ausdruck Ganzheitlichkeit. Es ist leider ein vager Begriff, aber ich möchte sagen, er spricht einen Instinkt aus, eine Intuition, daß wir mit der Erkenntnis des Ineinanderwirkens der Teile und Teilchen oder der Teilchen der Teilchen vielleicht das Wirkliche noch gar nicht erfassen, sondern daß das viel mehr holistischer, also ganzheitlicher Natur ist, was überhaupt nur durch eine andere Art des Zugangs des Erkennens erfaßbar ist. Wenn man sich in diese Richtung bewegt, ist man immer in Gefahr, etwas in mystische Spekulationen zu geraten. Das muß aber auch verhütet werden, denn dann wird wieder ein Feld für Willkür eröffnet das wir auch nicht wollen. Wie das als Wissenschaft, als wirklich diszipliniertes Wissen möglich ist, weiß ich nicht. Wenn ich es wüßte, würde ich zu den Großen der Philosophiegeschichte gehören. Aber ich erkühne mich zu sagen, es hat so etwas einmal gegeben, in der früheren Art des Philosophierens, die keineswegs undiszipliniert war, sondern ihre eigene Strenge hatte. Zumindest als Möglichkeit soll man es nicht aus dem Auge verlieren. Mehr als das kann ich dazu nicht sagen.

Hans Jonas







Du bist

Du, der du bist,

den wir mit vielen Namen nennen,

doch nie ganz erfassen,

nie begreifen können.

Wie dankbar sind wir,

daß wir dich erfühlen und erahnen.

Und unsere Seele mit Bestimmtheit weiß:

Du bist!

Hermine Meyerding







Glaube

Glaube ist ein Baum

er wächst

in der Wüste

Glaube lebt

in der Hoffnung

vergeblich zuweilen

daß Gott den Regen schickt

Glaube ist

zärtliches Vertrauen

vergeblich zuweilen

M.F. Dei-Anang







Zürich, zum Storchen

für Nelly Sachs

Vom Zuviel war die Rede, vom

Zuwenig, Von DU

und Aber Du,

von der Trübung durch Helles, von

Jüdischem, von

deinem Gott.

Davon.

Am Tag einer Himmelfahrt, das

Münster stand drüben,es kam

mit einigem Gold übers Wasser.

Von deinem Gott war die Rede, ich sprach

gegen ihn, ich

ließ das Herz, das ich hatte,

hoffen:

auf

sein höchstes, umröcheltes, sein

haderndes Wort

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg,

dein Mund

sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir

wissen ja nicht, weißt du,

wirwissen ja nicht,

was

gilt.

Paul Celan







Bete, daß deine Einsamkeit

der Stachel werde, etwas zu

finden, wofür du leben kannst,

und groß genug, um dafür zu sterben.

In dem Glauben, der "Gottes Vereinigung mit der

Seele" ist, bist du eins mit Gott

und Gott ganz in dir,

gleichwie er ganz für dich ist in allem, was dir

begegnet.

In diesem Glauben steigst du im Gebet hinab in

dich selbst,

um den anderen zu treffen,

im Gehorsam und Licht der Vereinigung,

stehen für dich alle, gleich dir, einsam vor Gott;

ist unser Tun ein fortwährender Schöpfungsakt -

bewußt, weil du

eine menschliche Verantwortung hast, und

gleichwohl gesteuert

von der Kraft jenseits des Bewußtseins, die den

Menschen schuf;

bist du frei von den Dingen, aber begegnest ih

nen in einem Erlebnis, das die befreiende Reinheit

und die entschleiernde Schürfe der Offenbarung

besitzt.

In dem Glauben, der "Gottes Vereinigung mit der

Seele" ist, hat

darum alles einen Sinn.

So leben, so nutzen, was in deine Hand gegeben

wurde

Dag Hammarskjöld







Fortgenommen hast Du unsere Schuld,

An die wir uns halten konnten, das Bleigewicht,

Und ausgelöscht das finstere Gegenbild,

Dem wir entrinnen konnten in deinem Schoß.

Ausfahrende sind wir geworden,

Springer wie auf dem Mondball,

Wechseljährige ohne Gleichgewicht,

Notenköpfe, die hineilen ohne Taktstrich,

Ohne Fermate.

Marie-Luise Kaschnitz







Verlangen wirst Du, daß wir, die Lieblosen dieser

Erde,

Deine Liebe sind,

Die Häßlichen Deine Schönheit,

Die Rastlosen Deine Ruhe,

Die Wortlosen Deine Rede,

Die Schweren Dein Flug.

Jeder wird wissen, daß dieses von ihm erwartet

wird,

Etwas wogegen Atombomben ein Kinderspiel

sind,

Und aufbegehren wird er und sagen: wie

kommen wir dazu.

Und sagen, wie häßlich ist es, erwachsen zu

werden.

Und aufzubleiben in der Nacht, allein.

Aber jeder wird wissen: dies ist Dein letztes

Geheimnis.

Dein Fernsein Deine Nähe,

Dein Zuendesein Dein Anfang,

Deine Kälte Dein Feuer,

Deine Gleichgültigkeit Dein Zorn.

Marie Luise Koschnitz







Ein Leben nach dem Tode

Glauben Sie fragte man mich

An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja

Aber dann wußte ich

Keine Auskunft zu geben

Wie das aussehen sollte

Wie ich selber

Aussehen sollte

Dort

Ich wußte nur eines

Keine Hierarchie

Von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend

Kein Niedersturz

Verdammter Seelen

Nur

Nur Liebe frei gewordene

Niemals aufgezehrte

Mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold

Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnwebenleichtes Gewand

Ein Hauch

Mir um die Schultern

Liebkosung schöne Bewegung

Wie einst von tyrrhenischen Wellen

Wie von Worten die hin und her

Wortfetzen

Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt

Berg- und Tal-Fahrt

Und deine Hand

Wieder in meiner

So lagen wir lasest du vor

Schlief ich ein

Wachte auf

Schlief ein

Wache auf

Deine Stimme empfängt mich

Entläßt mich und immer

So fort

Mehr also, fragen die Frager Erwarten sie nicht nach dem Tode? Und ich antworte Weniger nicht.

Marie Luise Koschnitz







Also die Dinge sind tot.

Nicht Gott ist tot, aber die Dinge,

es war ein Nachrichten-Versehen,

ein Übermittlungs-Fehler,

eine Falschmeldung.

Die Dinge sind tot,

und wir (das war richtig) wir waren es,

die sie erforschten, erwürgten, umbrachten.

Von jeher hatten die Dinge von der Mühe gelebt,

die man sich um sie machte.

Schwer begreiflich; aber um Mühe gaben sie

Leben.

Man wollte sie mühelos, man wollte sie hergestellt

haben.

Das gelang auch. Aber um den Preis ihres

Lebens.

Zwar gibt es noch viele,

die den Tod der Dinge nicht wahrhaben wollen.

Sie ertragen die Nachricht nicht.

Sie gleichen den Müttern,

die ein Jahrzehnt die Nachricht verweigerten,

ihre Söhne seien auf den Schneefeldern zuge

weht worden und sagten:

Ich weiß es, er lebt noch.

Eines Tages aber werden es alle einsehen und

sich gestehen müssen,

daß die Dinge tot sind.

Dann wird in den Zeitungen stehen:

Wie jetzt bekannt wird, sind die Dinge verstorben.

Wir werden darauf noch zurückkommen.

Aber zur Zeit dieser Meldung werden nicht mehr

viele verstehen,

was gemeint ist.

Nur sehr alte Leute werden sich erinnern,

in ihren jungen Tagen davon gehört oder gelesen

zu haben:

irgendwann einmal, vor Zeiten, lustige Vorstel

lung,

sollten die Dinge, der Mond und der Bach und

die Tanne.

die Stadt und die Bucht und das Kornfeld gelebt

haben.

Erhart Kästner







Letztlich ist alles einfach,

so einfach wie ein Blatt,

das man in der Hand hat,

so einfach wie das

Lachen eines

Kindes.

Jean Gebser







Ach!

Wir hielten vor einem kleinen türkischen Kloster, in dem Derwische lebten, die jeden Freitag tanzten. Das grüne Bogentor zeigte auf dem Türbalken eine bronzene Hand -das heilige Zeichen Mohammeds. Wir traten in den Hof. Aus einer Zelle kam ein Derwisch auf uns zu; er legte grüßend die Hand auf die Brust, Lippen, Stirn. Wir setzten uns. Der Derwisch sprach von den Blumen, die wir rundum sahen, und vom Meer, das zwischen den spitzen Blättern des Lorbeerbaumes blitzte. Später begann er, über den Tanz zu sprechen.

"Wenn ich nicht tanzen kann, kann ich nicht beten. Ich spreche durch den Tanz zu Gott."

"Was für einen Namen gebt Ihr Gott, Ehrwürden?"

"Er hat keinen Namen", antwortete der Derwisch. "Gott kann man nicht in einen Namen pressen. Der Name ist ein Gefängnis, Gott ist frei

'Wenn Ihr ihn aber rufen wollt? Wenn es notwendig ist, wie ruft Ihr ihn?"

'Ach!" antwortete er, 'Nicht: Allah. Ach! werde ich ihn rufen."

Ich erbebte.

'Er hat recht", murmelte ich.

Hubertus Halbfas







Der Herr des Tanzes

Ich tanzte, als die Welt im Schöpfungsmorgen stand, ich tanzte, als der erste Sonnenstrahl die Erde fand; ich tanzte hervor aus Gottes Ewigkeit und spielte als Kind in der Erdenzeit. Tanz nur, wo immer du auch bist, König des Tanzes bin ich, spricht Christ. Ich führe den Reigen hinan zu Gottes Thron; denn ich bin des Vaters ewiger Sohn.

Ich tanzte vor des Volkes hoher Obrigkeit; sie stießen mich zurück in ihrer Geistesdunkelheit; ich tanzte vor den Armen und den Fischersleut; sie folgten mir; sie folgen noch heut. Tanz nur ...

Ich tanzte am Sabbat, und der Lahme ward gesund; da haßten sie mein Volk und planten meine Todesstund. Sie schlugen mich ans Kreuz und höhnten meinen Todesschrei und brachten bittren Trank herbei. Tanz nur ...

Ich tanzte am Karfreitag, bis die finstre Nacht brach ein, die Felsen barsten,

und das Licht ward schwarz vom Höllenschein; sie trugen mich zu Grobe, weil der Reigentanz war aus; doch ich tanzte durch des Todes Haus. Tanz nur ...

Sie schlugen mich zu Boden, doch ich tanzte hoch hinauf, das Sterben ward vernichtet durch des Tanzes Siegeslauf. Mein Tanzen lebt in jedem, der in meinem Reigen ist; denn ich bin des Tanzes Herr, spricht Christ. Tanz nur ...

Quäker-Lied







Dem unbekannten Gott

Noch einmal, eh ich weiter ziehe Und meine Blicke vorwärts sende, Heb ich vereinsamt meine Hände Zu dir empor, zu dem ich fliehe, Dem ich in tiefster Herzenstiefe Altäre feierlich geweiht, Daß allezeit Mich deine Stimme wieder riefe. Darauf erglüht, tief eingeschrieben Das Wort: dem unbekannten Gotte. Sein bin ich, ob ich in der FrevIer Rotte Auch bis zur Stunde bin geblieben. Sein bin ich - und ich fühl die Schlingen, Die mich im Kampf darniederziehn Und, mag ich fliehn, Mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter, Du tief in meine Seele Greifender Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender, Du Unfaßbarer, mir Verwandter! Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

Friedrich Nietzsche







Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen, Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Dietrich Bonhoeffer







Wenn dir der Gedanke kommt, daß alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, und daß es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht vielen so. Glaube aber nicht, daß dein Unglaube daher rührt, daß es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast, so rührt das daher, daß in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du mußt dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört heißt das nicht, daß es keinen Gott gibt, sondern nur, daß der wahre Gott nicht aus Holz ist.

Leo Tolstoi







Rabbi David Leikes weinte nur ein einziges Mal in seinem Leben: an dem Tag, an dem der BaalSchem seine Seele aushauchte.

Man kannte, man liebte Rabbi David Leikes für seine überschwengliche, mitreißende Freude: Er war ein glücklicher Mensch. Beim Beten geriet er in Begeisterung, selbst aus den Klagen machte er Lobgesänge. Er überlebte seine vier Söhne, seine drei Töchter und seine Frau. Mit dreiundsiebzig Jahren, trauernd, vereinsamt, verfiel er dennoch nicht in Verzweiflung. Um Gott zu loben, muß man leben, sagte er; und um zu leben, muß man das Leben lieben, trotz allem.

Er verheiratete sich wieder, mit einer Wirtin, die ihm drei Söhne und eine Tochter schenkte. Er lebte glücklich bis zum Ende in voller Frische. Als er mit hundert Jahren auf dem Totenbett lag, hörte er, wie das Gericht - dessen Präsident er war - im Nebenraum beriet. "Warum tut ihr das ohne mich?" beklagte er sich. 'Mein Leben lang war ich Gottes Teilhaber bei seinen irdischen Werken, und gerade jetzt wollt ihr mich ausschließen?"

Er hörte die Zeugen an, wog die widersprüchlichen Aussagen gegeneinander ab und sprach sein Urteil. Im nächsten Augenblick war er wieder heiter.

Ich verlasse jetzt dieses Gericht und gehe zu einem anderen", sagte er. Es waren seine letzten Worte.

Elie Wiesel







Ja, Amen, du bist.

Mein Geist beuget sich

und das Allerinnigste in mir

stattet dir dieses Bekenntnis ab,

daß du seiest.

Wie so glückselig schätze ich mich,

daß du bist

und daß du nicht kannst nicht sein.

Wie so glückselig bin ich,

daß ich weiß, daß "Gott ist!"

und daß ich dieses Bekenntnis abstatten kann,

daß 'Gott ist!".

Höret es, alle Kreaturen alle:

'Gott ist!"

Ich gönne dir's, mein Gott

daß du bist;

es gefällt mir so wohl,

daß du bist.

0 wie schön und wie so gut ist

daß du bist,

und daß du bist derjenige,

der du bist.

Ich wollte lieber,

daß ich nicht wäre

als daß du nicht sein solltest,

Doch, was bin ich? und was ist alles? Bin ich wirklich? Und ist alles wirklich? Was ist dieses Ich?

Was ist dieses Alles?

Wir sind nur, weil du bist und weil du willst, daß wir sein sollen. Alles, was ich weiß und alles, was ich beschaue, ist nur ein selbstgemachtes totes Unding, wo du nicht selbst mich erleuchtest und du nicht selbst dich mir zu beschauen gibst, o du allein wesentliche Wahrheit.

Gerhard Tersteegen







Erinnerung an die herrliche und liebliche Gegenwart Gottes

Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitten. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag' die Augen nieder, kommt, ergebt euch wieder.

Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller Wunder: ich senk' mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.

Du durchdringest alles; lass dein' schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

Mach' mich einfältig, innig, abgeschieden, sanft und still in deinem Frieden; mach' mich reines Herzens, daß ich deine Klarheit schauen mag in Geist und Wahrheit; Lass mein Herz überwärts wie ein Adler schweben und in dir nur leben.

Herr, komm in mir wohnen, lass mein Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden, komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.

Gerhard Tersteegen







Das Memorial

Jahr der Gnade 1654

Montag, den 23. November, Tag des heiligen Klemens, Papst und Märtyrer, und anderer im Martyrologium. Vorabend des Tages des heiligen Chrysogonos, Märtyrer, und anderer,

Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht.

Feuer

"Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs", nicht der Philosophen und Gelehrten.

Gewißheit, Gewißheit, Empfinden: Freude, Friede. Gott Jesu Christi.

Deum meum et Deum vestrum. "Dein Gott ist mein Gott."

Vergessen von der Welt und von allem, außer Gott.

Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, ist er zu finden.

Größe der menschlichen Seele.

"Gerechter Vater, die Weit kennt dich nicht; ich aber kenne dich."

Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude. Ich habe mich von ihm getrennt.

Derelinquerunt me fontem aquae vivae.

'Mein Gott, warum hast du mich verlassen."

Möge ich nicht auf ewig von ihm geschieden sein.

'Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der

du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt

hast, Jesum Christum, erkennen.

Jesus Christus!

Jesus Christus!

Ich habe mich von ihm getrennt, ich habe ihn

geflohen, ich habe mich losgesagt von ihm, ich

habe ihn gekreuzigt.

Möge ich nie von ihm geschieden sein.

Nur auf den Wegen, die das Evangelium

kann man ihn bewahren.

Vollkommene und liebevolle Entsagung.

Vollkommene und liebevolle Unterwerfung unter

Jesus Christus und meinen geistlichen Führer. Ewi

ge Freude für einen Tag geistiger Übung auf Er

den.

Non obliviscar sermones tuos. Amen.

Blaise Pascal







In Christus habe ich dir alles gesagt und offenbart und in ihm wirst du mehr finden als du erbittest und ersehnst. Schau auf den menschgewordenen und du wirst mehr finden als du denkst.

Johannes vom Kreuz







In einer Nacht gar dunkel, Da ganz mein liebend Herz vor Inbrunst glühte, 0 hochbeglückte Stunde! Entschlich mit leisem Tritte Ich meiner tief in Ruh versunknen Hütte.

Schon ist zurückgekehrt die weiße Taube Mit ihrem Ölzweig zu der Arche Raum, Schon den Gefährten hat die Turteltaube gefunden an des Ufers grünem Saum, nach dem sie stets begehrt in ihrer Sehnsucht Traum.

Im sicheren Schutz des Dunkels War die geheime Leiter bald erstiegen; 0 hochbeglückte Stunde! Verhüllt und tief verschwiegen Ging ich und ließ in Ruh die Hütte liegen.

Ihr Hirten, die Ihr durch die Hürden gehet Zu der erhabenen Höhe grünem Plan Wenn Ihr vielleicht den Vielgeliebten sähet, Dem ich in heißer Liebe zugetan, 0 sagt ihm, daß vor lauter Leid ich nicht mehr leben kann.

Nachdem Du so tief verwundet dieses Herz Warum hast Du es ungeheilt gelassen? Und da Du zugefügt ihm Leid und Schmerz, Warum hast Du es doch so liegen lassen, Ohn Deine Beute, die Du doch geraubt, zu fassen?

Ihr Wälder und Gebüsche, Gepflanzt von meines Liebsten Hand! Ihr immergrünen Wiesen, Mit Blumenschmelz geziert! 0 sagt an, ob er durch Euch gewandelt?

0 Liebesflamme, die nur Leben spendet Und die so zart mir schlägt manch tiefe Wunde In meiner Seele allertiefsten Grunde! Schon ist das Schreckliche in Lust gewendet. Manch Schluß, falls mir Dein Wille diese gebe, Zerreiß der süßen Einigung Gewebe.

Halt ein, Du Todeswind vom Norden; Komm Du, o Südwind, der du Liebe weckst, Und wehe Du durch meinen Garten, daß seine Wohlgerüche strömen aus: Und der Geliebte möge unter Blumen weiden.

Wie hältst Du stand, da Du von dem, o Leben, Worin Du lebst erhältst kein Lebenszeichen? Zumal der Pfeil dir schon den Tod muß geben, der von Geliebten oft Dir Wunden reißt Von dem, was Du von seiner Liebe in Dir weißt.

0 laß uns fröhlich sein, Geliebter, Und laß uns schauen gehn in Deiner Schönheit Zum Berge und zum Hügel. Wo reines Wasser fließt hervor, Laß weiter vor uns dringen in die Tiefen!







Er gleicht der Nacht, mit stiller Ruh gekrönet, die schon entgegengeht dem Morgenlicht, Er ist Musik, die nur verschwiegen tönet, ist Einsamkeit, die süß in Klängen spricht, ein Abendmahl, das froh zu neuer Lieb erfrischt.

Von heilger Wonne trunken durft ich mein Haupt auf den Geliebten lehnen; Die Welt war mir entsunken, gestillet all mein Sehnen, begraben unter Lilien, Harm und Tränen.

Johannes vom Kreuz







Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern ein Übung. Wir sind's noch nicht, wir werden's aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.

Wenn es wahr ist, daß ich von neuem geboren werden muß, wie Christus sagt, so kann ich nichts dazu tun, sondern muß leiden und stillhalten, daß er mich schaffe, der mein Vater und Schöpfer ist.

Martin Luther







Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist.

Meister Eckart







O All-Jenseitig! - Denn wie anders dürfte man dich nennen!

Wie soll ein Wort dich preisen: keinem Wort bist du sagbar.

Wie soll Vernunft dich betrachten: keiner Vernunft bist du fassbar.

Du allein ohne Namen: denn durch dich erst ist aller Name.

Dich preist, was lallen und was nicht lallen kann.

Dich ehrt, was denken und was nicht denken kann.

Dir fleht das All, auf Dich stammelt alles.

Dir einzig verharrt alles. Zu dir drängt alles mit eins. Und aller Ziel bist DU - Du einer und alle und keiner,

Und auch nicht einer, nicht alle.

Allnamiger, wie benenn ich dich, den einzig ungenannten?

In die Dunkel über den Wolken dringt selbst kein himmlischer Verstand.

0 All-Jenseitig! - Denn wie anders dürfte man dich nennen!

Gregor von Nyssa







Mit weichem Namen soll ich Dich anrufen

Mit welchem Namen soll ich dich anrufen, der Du über allen Namen bist?

Du, der "Über-alles", welchen Namen soll ich Dir geben? Welcher Hymnus kann Dein Lob singen? Welches Wort von Dir sprechen?

Kein Geist kann in Dein Geheimnis eindringen, kein Verstand Dich verstehen.

Von Dir geht alles Sprechen aus, aber du bist über alle Sprache, von Dir stammt alles Denken, aber Du bist über alle Gedanken.

Alle Dinge rufen Dich aus, die Stummen und die mit Sprache begabten. Alle Dinge vereinen sich, Dich zu feiern, das Unbewußte und das, was bewußt ist.

Du bist das Ende aller Sehnsüchte und allen schweigenden Strebens. Du bist das Ende alles Seufzens Deiner Schöpfung. Alle, die Deine Weit zu deuten wissen, vereinen sich, Dein Lob zu singen.

Gregor von Nyssa







Du bist beides; alles und nichts, nicht ein Teil, auch nicht das Ganze, Alle Namen werden Dir gegeben und doch kann keiner Dich fassen. Wie soll ich Dich also nennen, Du, der Du über alle Namen bist.

Gregor von Nyssa







Kyrie eleison

Das Kyrie ist der unaufhörliche Bittruf der Kirche. Es ist das auf dieser Erde nie verstummende Pilgerlied der Christen. Ohne den Kyrieruf ist das Leben des Christen nicht zu denken. Denn das Kyrie umfaßt ohne Ausnahme alle Lasten und Leiden dieser Welt und befiehlt sie in Gottes Erbarmen. ... In der Hinwendung des Kyrie zu Gott dem Vater, dem Sohn und Heiligen Geist als dem Schöpfer, Erlöser und Spender des neuen Lebens wird das Kyrie zum umfassenden Erbarmungsruf der gesamten Schöpfung, der immer wieder neu aus der Tiefe emporsteigt, die gänzliche Verlorenheit dieser Welt bekennt und dabei bereits um die Erlösung weiß. So wird das Kyrie als Bittruf zugleich zum Glaubenslied und auch zum Lobgesang. ... Mit dem Kyrie eleison beginnen wir den Gottesdienst. Mit dem Kyrie eleison loben wir in den Liedern den geborenen Heiland, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Mit dem Kyrie eleison feiern wir Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten. Mit dem Kyrie eleison singen wir uns durch unser Leben und mit dem Kyrie treten wir schließlich vor Gottes Thron. Nur mit dem Kyrie im Herzen und auf den Lippen begleitet uns Gottes Barmherzigkeit.

Karl Ferdinand Müller




Es folgt:

Brevier 3
Wer bin ich




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Eigene Findlinge:


All diese unbeachteten Dinge, die ans Licht kommen,
lassen mich glauben, dass auch unser Glück
von einem Rätsel abhängt,
mit dem der Mensch verknüpft ist,
und dass unsere einzige Aufgabe
in dem Versuch besteht, dieses Rätsel zu begreifen.
René Magritte


Gott schläft in den Steinen,
in den Pflanzen atmet er,
in den Tieren träumt er,
im Menschen erwacht er.



Hinüber
Unglaublich, das ist einer, mit dem man sprechen kann, über Millionen Lichtjahre und Galaxien, der sich kümmert um dich, als wärst du etwas. Wenn das kein Trost ist in der Welt der Treulosen, der Autounfälle, Kindervergifter, Landesverräter und Mörder. Gott ist kein Schuft...
Lasst ihn wirken! Er soll auch was tun, den ganzen Rest. Es ist ja schließlich seine Welt. Bis wir hinüber sind. Beim Saphir, beim Grundstein des zweiten Tores der ewigen Stadt, der aus Glas und Gold, könnten wir einander treffen. Nehmt doch noch etliche mit! Fast bin ich sicher, wir könnten es schaffen.                   Erich Bozenta, Hinüber, in: Von Person zu Person (1983)



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Die zehn Gebote. Und Gott redete alle diese Worte:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

Du sollst nicht töten.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

(DIE BIBEL, 2. Mose 20, 1 – 21)





Goldene Regel

Christentum: Alles was Ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch Ihr Ihnen ebenso. - Neues Testament, Matthäus 7,12; Lukas 6,31 bzw. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst., Levitikus 19,18 AT, Lukas 10,27, Matthäus 19,19, Matthäus 22, 39, Römer 13,9, Galater 5,14; Mt 5,43-48; Joh 13,34; Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8 NT

Judentum: Tue nicht anderen, was Du nicht willst, dass sie Dir tun. - Rabbi Hillel, Sabbat 3a, Levitikus 19,18; 2.Kön 6,22; 2.Chr 28,9-15 AT

Islam: Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht. - An-Nawawi, Kitab Al-Arba'in (Vierzig Hadithe), 13

Buddhismus: Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten? - Samyutta-Nikaya (Reden Buddhas) V, 353.35-354.2

Hinduismus: Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral. – Mahabharata (Geschichte Großindiens) XIII, 114.8




Weltethos

  • Frieden stiften durch Rechtsverzicht
  • Machtgebrauch zugunsten Anderer
  • Konsum üben mit Maß
  • Erziehen verstehen im gegenseitigen Respekt
(Hans Küng)