
Gelassenheit
Alle Unordnung des innerenund des äußeren Menschen wird geordnet in der Gelassenheit,in der man sich lässt und Gott überlässt.
Danke
Wäre das Wort „Danke“ das einzige Gebet, das Du je sprichst, so würde es genügen.
Prioritäten
Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige, immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenüber steht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe.
Meister Eckhart
deutscher Mystiker, eigentlich Eckhart von Hochheim (1260-1328)
Meister Eckhart predigt über die Vereinigung mit Gott (unio mystica):
...dass etwas in der Seele ist, das Gott so verwandt ist, dass es (schon bereits) eins ist und nicht vereint. (...nicht erst noch vereint werden müsste.)
Gott ist allezeit bereit – aber wir sind sehr unbereit.
Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne.
Gott ist drinnen, wir sind draußen.
Gott ist in uns heimisch, wir sind Fremde.
Gott aber, hat man ihn überhaupt,
so hat man ihn allerorten; auf der Straße und unter den Leuten
so gut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle…
Der erkennt Gott recht, der ihn in allen Dingen gleicherweise erkennt.
Gott ist allen Kreaturen gleich nahe.
Der höchste Engel und die Seele und die Mücke haben ein gleiches Bild in Gott.
Die
Liebe beginnt da, wo das Denken aufhört. Wir brauchen aber die Liebe
von Gott nicht zu erbitten, sondern wir müssen uns für sie nur bereit
halten.
Meister Eckhart
deutscher Mystiker, eigentlich Eckhart von Hochheim (1260-1328)
DIE GOTTESGEBURT IM HERZENSGRUND
Du darfst nicht wähnen, dass deine Vernunft dazu aufwachsen könne, daß du Gott zu erkennen vermöchtest.
Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einem gedachten Gott; denn, wenn der Gedanke vergeht, vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben, der weit erhaben ist über die Gedanken der Menschen und aller Kreaturen.
Du sollst ihn [Gott] lieben wie er ist: ein Nichtgott, ein Nichtgeist, eine Nichtperson, ein Nichtbild.
Es gibt zweierlei Geburt der Menschen: eine in der Welt und eine aus der Welt, das heißt geistig in Gott.
Meister Eckhart
deutscher Mystiker, eigentlich Eckhart von Hochheim (1260-1328)
Meister Eckhart:
Selbstentäußerung und Aufgehen in Gott
Die Geburt Gottes in der Seele des Menschen hat zur Voraussetzung, dass der Mensch Gott gleichsam Raum schafft. Ein Grundgedanke der Eckhartschen Mystik ist daher die "Selbstentäußerung und (das) Aufgehen in Gott". "Nach Eckhart ist Gott alles, der Mensch nichts." In dem Maße, wie der Mensch dies realisiert, wird er für Gott empfänglich. "Die Vergöttlichung des Menschen durch Gott" ist auf Seiten des Menschen an die Bedingung der Preisgabe seiner selbst gebunden. Die Selbstentäußerung des Menschen ist das Spiegelbild der Selbstentäußerung Gottes in der Inkarnation.
Werde wie ein Kind,
mache dich taub und blind !
So dass dein ganzes Wesen ein Nichts wird.
Überschreite alles Wesen und alles Nichts !
Lass hinter dir Ort und Zeit,
und lass auch die Bilder !
"Du sollst allzumal entsinken deiner Deinesheit und sollst zerfließen in seine Seinesheit und soll dein Dein in seinem Mein ein Mein werden also gänzlich, dass du mit ihm verstehest ewiglich seine ungewordene Istigkeit und seine ungenannte Nichtheit." Die Selbstentäußerung geht einher mit dem "Lassen seiner selbst", der Gelassenheit. Darunter versteht Eckhart ein Loslassen, Abstreifen, Abstrahieren von aus weltlichen und dinglichen Verhältnissen geprägten Denk- und Handlungsstrukturen. Erst der gelassene Mensch ist der Sohn Gottes: "Dieser Mensch", sagt Eckhart, "muss sich selbst und diese ganze Welt gelassen haben."
Meister Eckhart betont, dass das Einüben dieses "Geisteszustandes" gewöhnlich nur durch langjährige Übung erreicht wird und vergleicht es mit dem Erlernen von Lesen und Schreiben. Obwohl zur damaligen Zeit das kontemplative Gebet in der Bevölkerung stärker verbreitet war als heute, hat die Radikalität seiner Aussagen zum Konflikt mit der päpstlichen Kurie geführt. In der Moderne mögen seine Anleitungen noch schwieriger nachzuvollziehen sein, da Orientierung an "Zeit" und Verstand die Lebensverhältnisse stark dominieren.
"Lassen Gottes um Gottes willen"
Über das "Lassen seiner selbst" hinaus fordert Eckhart ein "Lassen Gottes um Gottes willen". Es geht um die Beseitigung eines Gott-Habens dadurch, dass man Gott als Objekt und als Schöpfer hat. Einzig im Erkennen kann der Mensch zum Grunde seiner selbst, zum göttlichen Grund durchbrechen und Gelassenheit erreichen. Dazu darf der Mensch nicht passiv und weltabgewandt bleiben, sondern muss im höchsten Maße aktiv sein und wie Gott, der reine Aktivität ist, aus seinem Inneren tätig werden. Entsprechend formuliert Eckhart in Predigt 5: "Was ist mein Leben? Was von innen heraus bewegt wird." Wirklich gelassen ist, wer seinen Eigenwillen aufgegeben hat und durch sich Gottes Willen wirken lässt. Er darf auch in seinem Inneren nicht wollen. Der Zweck des menschlichen Daseins ist bei Eckhart, Gott in seinem Wesen gleich zu werden, das Leben aus und zu Gott als reinen Selbstzweck zu begreifen.
Das Loslassen aller Gedanken und Vorstellungen und allen Wissens – "Willst du Gott auf göttliche Weise wissen, so muss dein Wissen zu einem reinen Unwissen und einem Vergessen deiner selbst und aller Kreaturen werden." und "Nichts das durch die Sinne eingebracht wird kann dies bewerkstelligen."
Vollkommene Ziellosigkeit und Aufgabe des Willens – "Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott solange seid ihr nicht richtig arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nicht begehrt."
Vernunft und Verstand sind kein Instrument, um zur Gotteserfahrung zu kommen – "Soll Gott gesehen werden, so muss es in einem Lichte geschehen, das Gott selbst ist. Über der Vernunft, die sucht, ist noch eine andere Vernunft, die nicht mehr sucht […]."
Aufgabe des dualistischen Denkens – "Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Erkennen …."
Entfernen der Zeit aus dem alltäglichen Leben – "Nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. […]. Was ich meiner Geborenheit nach bin, [...] ist sterblich; darum muss es mit der Zeit verderben."
Vertiefung der Achtsamkeit – "… dies ist für weise Leute eine Sache des Wissens und für grobsinnige eine Sache des Glaubens“ Die Folge des Loslassens von Wissen, Willen, Zeit, Ich, usw. ist eine tiefe Gelassenheit. „Wer Gott im Sein hat […] dem schmecken alle Dinge nach Gott.“ (Alle Zitate aus Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate, hrsg. von Josef Quint, München 1977)
Mystik ist eine Einübung in die Sichtweise Gottes,
es ist die Wahrnehmung des Kleinen, des Unerheblichen, das Hören auf das Geschrei der Kinder Gottes, die in Ägypten in der Sklaverei sind. Gott ruft die Seele auf, die eigenen Ohren und Augen wegzugeben und sich Gottes Augen und Ohren schenken zu lassen. Nur wer mit anderen Ohren hört, kann mit dem Mund Gottes reden. Gott sieht das, was sonst unsichtbar gemacht wird und keine Rolle spielt. Wer außer ihm sieht die Armen, hört ihren Schrei? Die "Sinne Gottes" in Gebrauch zu nehmen, bedeutet nicht einfach eine Wendung nach Innen, sondern ein Freiwerden für eine andere Lebensweise:
Sieh, was Gott sieht. Hör, was Gott hört. Lache, wo Gott lacht. Weine, wo Gott weint.
Die holländische Jüdin Etty Hillesum schrieb 1942 in Auschwitz:
In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott... Die einzige Gewissheit, wie du leben sollst und was du tun musst, kann nur aus dem Brunnen aufsteigen, der aus deiner eigenen Tiefe quillt.
Ein Augenblick
Es ist ein Augenblick
das Bereitsein und das Eingießen.
Meister Eckhart (1260 – 1328)
Das Loslassen
Nun gibt es etliche Leute, die lassen die Dinge aus Liebe und achten gar groß die Dinge, die sie gelassen haben.
Aber der Mensch, der in Wahrheit erkennt, dass, auch wenn er sich selbst lässt und alle Dinge, dass das dennoch überhaupt nichts ist – ja, der Mensch, der so lebt, dem sind in Wahrheit alle Dinge eigen.
Alle Unordnung des inneren und des äußeren Menschen wird geordnet in der Gelassenheit, in der man sich lässt und Gott überlässt.
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Unterweisungen
Die Leute sagen oft zu mir: „Bittet für mich!“
Dann denke ich: „Warum geht ihr aus? Warum bleibt ihr nicht in euch selbst und greift in euer eigenes Gut?
Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch.“
...und es gebiert der Vater seinen Sohn in der Seele
in derselben Weise, wie er ihn in der Ewigkeit gebiert und nicht anders.
Er muss es tun, sei es ihm lieb oder leid.
Der Vater gebiert seinen Sohn ohne Unterlass,
und ich sage mehr noch:
Er gebiert mich als seinen Sohn und als denselben Sohn.
Ich sage noch mehr:
Er gebiert mich nicht allein als einen Sohn;
er gebiert mich als sich und sich als mich
und mich als sein Sein und als seine Natur.
Im innersten Quell, da quelle ich aus im Heiligen Geiste;
da ist ein Leben und ein Sein und ein Werk.
Alles, was Gott wirkt, das ist Eins;
darum gebiert er mich als seinen Sohn ohne jeden Unterschied.
Mein leiblicher Vater ist nicht eigentlich mein Vater,
denn ich bin sein Sohn
und habe alles das von ihm, was ich habe,
und ich bin derselbe Sohn und nicht ein anderer.
Weil der Vater nur (ein) Werk wirkt,
darum wirkt er mich als seinen eingeborenen Sohn
ohne jeden Unterschied.
Das gleiche, was da hört, ist dasselbe, was da gehört wird im ewigen Worte.
~
Wie gebiert Gottvater seinen Sohn in der Seele? Wie die Kreaturen tun, in Bildern und in Gleichnissen? Wahrlich, nein!, sondern: Ganz in der Weise, wie er in der Ewigkeit gebiert, nicht minder und nicht mehr. Ja freilich, wie gebiert er da? Merket auf. Seht, Gottvater hat eine vollkommene Einsicht in sich selbst und ein abgründliches Durchkennen seiner selbst, ohne jedes Bild. Und so gebiert Gottvater seinen Sohn in wahrer Einsicht göttlicher Natur. Seht, in derselben Weise und in keiner andern gebiert Gott der Vater seinen Sohn im Grunde der Seele und in ihrem Wesen und vereinigt sich also mit ihr. Denn wäre da irgendein Bild, so wäre keine wahre Einheit da, und an der wahren Einheit liegt all ihre Seelheit und Seligkeit.
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Ursache meiner Selbst
Darum bitte ich Gott, dass er mich Gottes quitt mache,
denn mein wesentliches Sein ist oberhalb von Gott,
sofern wir Gott als Beginn der Kreaturen verstehen.
Denn in demselben Sein Gottes,
in dem Gott über allem Dasein und über aller Unterschiedenheit steht,
da war ich selbst, da wollte ich mich selbst,
und da erkannte ich mich selbst,
diesen Menschen zu schaffen.
Darum bin ich meinem Sein nach, welches ewig ist,
Ursache meiner selbst,
nicht aber aufgrund dessen,
was ich erst geworden bin,
denn das ist zeitlich.
Und darum bin ich ungeboren,
und darum kann ich niemals sterben.
Aufgrund meines Ungeborenseins bin ich ewig gewesen
und bin jetzt und werde ewig bleiben.
Was ich durch meine Geburt bin,
das wird sterben und zunichte werden,
denn es ist vergänglich.
Darum muss es mit der Zeit vergehen.
In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren,
und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge.
Und hätte ich gewollt, so wäre weder ich, noch wären alle Dinge,
und wäre ich nicht, so wäre auch Gott nicht.
Dass Gott Gott ist, dafür bin ich die Ursache.
In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren,
und ich war Ursache meiner selbst
meinem Sein nach, das ewig ist...
In meiner (ewigen) Geburt wurden alle Dinge geboren,
und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge;
und hätte ich gewollt,
so wäre weder ich noch wären alle Dinge;
wäre aber nicht ich, so wäre auch „Gott“ nicht.
Dies zu wissen ist nicht not.
Meister Eckhart (1260 – 1328)
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Ich gehöre nicht mehr mir
Ich gehöre nicht mehr mir, es bleibt mir nichts von mir selbst.
Er hat die Substanz meines Geistes verschlungen.
Die Seele wird mit Gott genau das, was er ist.
Das Feuer (der Liebe) macht keinen Unterschied,
es verzehrt alles, was es erfasst:
Ich versichere Euch...
von Verdammnis oder Segen ist nicht mehr die Rede.
In der Erfüllung der Liebe ist man Gott geworden.
Wer das Wunder verstanden hat, das Gott in seiner Göttlichkeit ist,
erscheint oft den Menschen, die diese Erkenntnis nicht haben,
gottlos durch ein Übermaß an Gott,
unwissend durch ein Übermaß an Wissen.
Hadewijch von Antwerpen