Loccumer Brevier
Herausgeber: Loccumer Arbeitskreis für Meditation in Verbindung mit der Evangelischen Akademie Loccum
Brevier 1
Unser Leid, unsre Hoffnung
Einkehr – Stille – GebetUnser Leid, unsere Hoffnung
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Offenbarung 21,3.4
Friede sei den Menschen, die bösen Willens sind; und ein Ende sei gesetzt aller Rache und allem Reden von Strafe und Züchtigung. Aller Maßstäbe spotten die Greueltaten, sie stehen jenseits aller menschlichen Fassungskraft, und der Blutzeugen sind gar viele...
Darum, o Gott, wöge nicht mit der Waage der Gerechtigkeit ihre Leiden, daß du sie ihren Henkern zurechnest und von ihnen grauenvolle Rechenschaft forderst, sondern laß es anders gelten.
Schreibe vielmehr allen schlechten Menschen zugut und rechne ihnen an:
all den Mut der anderen, ihre hochgesinnte Würde, die Hoffnung, die sich nicht besiegt gab, und das tapfere Lächeln.
Ein jüdisches Gebet aus dem KZ
Verlust
Meinen Namen verloren im Dunkel
Der Tag ist tot Ich sammle die Tränen der Ahnen schreibe sie auf die Klagemauer
Den Namen such ich der mir nicht gehört dem ich gehöre
Ich suche den auferstandenen Tag den verlornen Tempel
Rose Ausländer
Wiederkäuer
Im Übersättigten Hungerjahrhundert Kau ich die Legende Frieden und werde nicht satt
Kann nicht verdauen die Kriege sie liegen mir wie Steine im Magen Grabsteine
Der Frieden liegt mir am Herzen ich kaue kaue das wiederholte Wort und werde nicht satt
Rose Ausländer
Das Kriegsgericht hat mich zum Tode verurteilt. Ich schreibe diese Zeilen wenige Minuten vor dem Sterben. Ich fühle mich gesund, voller Tatkraft, voll unbegrenzter Lebenslust ... Aber es gibt keine Möglichkeit der Rettung. Ich muß sterben. Ich gehe jedoch mit Festigkeit, mit Mut in den Tod, wie es sich für Menschen unseres Schlages gehört. Ich habe 41 Jahre gelebt, 20 davon habe ich der Sache der Armen gewidmet, Mein ganzes Leben lang war ich ein ehrlicher, treuer, unermüdlicher Kämpfer ohne persönliche Interessen. Nie war ich unaufrichtig. Und wie ich gelebt habe, so sterbe ich, da ich weiß, daß unsere Sache gerecht ist, und daß der Sieg unser sein wird. Das Volk wird mich nicht vergessen, wenn bessere Zeiten kommen, Eines Tages wird die Geschichte die Wahrheit erzählen, auch in Bezug auf meine bescheidene Person. Ich sterbe, und ich werde leben.
Brief eines zum Tode Verurteilten
Etwas ausrichten
Dieses Jahrhundert und meine Versuche,
etwas auszurichten.
Dieser Ballen Papier mit seinem anwachsenden Gewicht.
Unter der Jacke verbarg ich den krassen Herzschlag.
Zeitweise hielten mich Einsilber aufrecht.
Aber die Panik über das letzte Stück Weg
auf Krücken, auf Knien?
Das letzte Stück wird man uns tragen.
Heinz Piontek
Freies Geleit
Da wird ein Ufer zurückbleiben. Oder das End eines Feldwegs.
Noch über letzte Lichter hinaus wird es gehen.
Aufhalten darf uns niemand und nichts!
Da wird sein unser Mund voll Lochens
Die Seele
reiseklar -
Das All nur eine schmale Tür, angelweit offen
Heinz Piontek
Der Einstieg, der Ausstieg
Gott, der Du einstiegst in die Miseren der Welt, der Du ausstiegst aus dem Zirkel von Verblendung, Gewalt und Zerstörung: erleuchte uns, bevor wir zerstrahlt sind! Erbarme Dich, damit die Erde und wir und die nach uns nicht unwiderruflich eigener Gier und Erbarmungslosigkeit zum Opfer fallen.
Unbeirrbarer, stecke uns an mit Deiner Leidenschaft für das Leben.
Kurt Marti
Offen für alles
Heute, am ersten Tag meines restlichen Lebens, erschreck' ich: Was heckt wohl der Tod still für mich aus?
" Laß uns bedenken, daß wir sterben müssen", heißt's in der Bibel. Daran freilich erinnern die Flucht der Zeit, der Altersabbau, die Depressionen mich ohnehin schon.
Warum, barmherziger Gott, füllst Du meine Gedanken und Sinne nicht Tag für Tag mit leuchtender Gegenwart?
Nichts anderes aber erbitt' ich von Dir! Und danach: nichts als Du. Und danach: Du, mein Nichts, offen für alles.
Kurt Marti
das könnte manchen herren so passen wenn mit dem tode alles beglichen die herrschaft der herren die knechtschaft der knechte bestätigt wäre für immer
das könnte manchen herren so passen wenn sie in ewigkeit herren blieben im teuren privatgrab und ihre knechte knechte in billigen reihengräbern
aber es kommt eine auferstehung die anders ganz anders wird als wir dachten es kommt eine auferstehung die ist der aufstand gottes gegen die herren und gegen den herrn aller herren: den tod
Kurt Marti
Trauerarbeit
Sie wurde nicht einmal achtzehn jahre alt stand auf der schwarz umrandeten karte die feierlichkeit der ieidträger und dein unüberhörbares lachen mitten darin
Oft habt ihr die öffentlichen gebäude beschrieben parolen und zeichen der kämpfenden jetzt sprühen eine freunde für dich . anne wir brauchen dich wer braucht schon autos"
Trauer ist etwas organisieren gegen die kälte gegens vergessen gegen die fakten dein unüberhörbares lachen mitten darin hilft uns beim trauern
Als ich aufblickte in der kapelle nicht auf den sarg unter blumen dort warst du am wenigsten mich umsah bei denen um mich herum die nicht überfahren worden sind die zwölfjährigen mit kinderaugen und die neunzehnjährigen die cool blieben ganz cool alle sahen dir öhnlich anne ich konnte die unterschiede nicht mehr finden alle waren du mit oder ohne tränen
und ich hörte dich losprusten dein unüberhörbares lachen mitten darin deinen widerstand gegen die kälte die glätte die kälte
plötzlich sahen alle dir ähnlich anne
Dorothee Sölle
Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache
Führ mich aus dem lügenhaus wasch meine erziehung ab befreie mich von meiner mutter tochter nimm meinen schutzwall ein schleif meine intelligente burg
Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache
Reinige mich vom verschweigen gib mir die wörter den neben mir zu erreichen erinnere mich an die tränen der kleinen studentin in göttingen wie kann ich reden wenn ich vergessen habe wie man weint
mach mich naß versteck mich nicht mehr
Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache
Zerschlage den hochmut mach mich einfach
laß mich wasser sein das man trinken kann
wie kann ich reden wenn meine tränen nur für
mich sind
nimm mir das private eigentum und den wunsch
danach
gib und ich lerne geben
Gib mir die gabe der tränen gott gib mir die gabe der sprache gib mir das wasser des lebens
Dorothee Sölle
Solo morte sola fide
Krank an der kirche
Morgens fährt mich der pfarrer zum bahnhof durch den herbstlichen nebel wir haben am abend ängste ausgetauscht und miteinander geklagt warum so viele in unserm land in unseren kirchen vom tod allein leben wollen sola morte kommt ihnen das leben aus der tötungskraft wächst ihnen vertrauen die reichweite des tötens nennen sie stärke sola morte bestimmen sie ihr leben
Während der pfarrer langsam zur stadt fährt
durch den herbstlichen nebel
hör ich in seiner stimme
nicht in den worten
die sind noch im tode gefangen
hör ich in seiner stimme
den alten glauben
sola fide
erzählt er mir von der achtzigjährigen frau für den
frieden
von seiner jugendgruppe
im ganzen land leben immer mehr menschen
er nickt hilflos mit dem kopf
und teilt mir doch stärke mit
sola fide
Dorothee Sölle
ich fahr mit dem fahrrad durchs polderland in deiner stille
schreibt mir ein pfarrer aus holland
Werden die kinder auch radfahren und gebete schreiben aus deiner stille
Hinter vielen pfarrern seh ich den tod warten tod einer kirche an der sie kranken
Manche hör ich beten um deine stille von der wir leben ohne andere heimat
Dorothee Sölle
Ich kann dich nicht mitteilen
Ich kann dich nicht mitteilen jesus ich mache mich lächerlich in der riesigen kathedrale dir zu ehren bist du nicht zu finden in der kleinen bar an der ecke bist du ein spinner ein lieber
Meine klugen freunde sagen mir du kommst nicht weiter damit das ist jetzt vorbei du mußt andere mittel finden für dasselbe ziel meine dümmeren freunde sagen mir du mußt mehr geduld haben meine feinde wenn sie wüßten wie mutlos ich bin rieben sich ihre klerikalen finger
Ich kann dich nicht mitteilen jesus du bist zu wenige du bist verbraucht du bringst es nicht du bist allein du bist zweideutig du bist käuflich mit dir schläft jeder bischof
Ich bin wie die stimme eines menschen
der gegen die megaphone anschreit die ganze
nacht
der gegen die läppische musik aus den küsten
spricht
im touristenzentrum
der alte heimatwörter bemüht gegen statistiken
und der den verzweifelten die ihn anrufen
nur die telefonschnur dreht hin und her
Ich kann dich nicht mitteilen jesus ich traue den dümmeren freunden mehr als den klugen weil sie alles teurer bezahlen
Aber ihr trost hilft mir nicht
Dorothee Sölle
Ein Wort
Wenn wir alle ein WORT hätten,
ein genaues WORT, nur ein einziges,
ein WORT in Annahme und Gehorsam
ein Lichterstrahl für den einzigen Namen
jeglichen Dinges
- Erde, Frieden, Freiheit,
heute, morgen, Zukunft, Krieg, Angst -
und wenn wir es alle aussprechen könnten
im selben Sinn, am Ufer eines Flusses,
dann ist es wirklich wahr,
daß die erste Wahrheit die unsrige ist
und daß die große Gefahr aufhört.
Wo aber werden wir das WORT der Menschen
finden,
die liturgische Vokabel,
einmütig von allen,
wie ein Baum eines stattlichen Waldes,
an einem klarem Tag?
Dieses WORT lebt
und wir müssen es ohne Unterlaß suchen
Tag und Nacht, Hoffnung!
Celso Emilio Ferreiro
Schlage ihn dir aus dem Kopf Kratz mit dem Fingernagel Sein Gesicht das bespeite von den Stellwänden der Geschichte damit es in niemandes Gedächtnis haften bleibe
Denk an die innersten Windungen von Gletschermühlen in denen Felsen ausgetrudelt werden so müßtest du Seinen Namen aushöhlen
Aber frage mich nicht wohin mit dem löslichen Sinkstoff wenn am Ende der Zunge die Schmelzwasser wieder zutage treten und der kleinste Schluck noch nach dem Ganzen schmeckt.
Eva Zeller
Nach dem Tod Gottes
Danach zerreiße ich nicht meine Kleider
Ich rolle mich wieder zusammen Tödliche Augenblicke überlebt man am besten in der Krümmung nach vorn den Kopf auf den Knien Mit der Grimasse des Keimlings wehrlos ohne Fingernägel und Zähne
Wieder angenabelt in der zottigen Höhle
Doch auch so zusammengekrümmt wäre der Wettlauf mit dem Schmerz noch nicht gewonnen Noch nicht gefurcht genug der ebenbildliche Leib Noch nicht verhohlen genug was hatte werden sollen ich will nicht daß es noch zuckt dünnwandig mit durchscheinendem Herzen ich muß weiter zurück
wo nichts mehr frohlockt künstlich und fein bereitet worden zu sein
Aber ich glaube Noch als Stein würfe ich mich in den Riß der mich selber zerreißt
Eva Zeller
Einladung
Langsamer und leichter als alle, im Strom der Eilenden setzte sie die Füße, die Frau drehte sich weich in den Schultern bei jedem Schritt, den Kopf aufrecht, eine Träumende schön und ein Beispiel.
Lächelnd sprach sie im Café
über ihr Leiden an der Hüfte. Warum erschrak ich.
Das Unversehrte, der Maßstab der Schönheit, aber Heil ist ein anderes Wort das von allen gesuchte.
Heinz Kattner
auf unserer seite
sei leise sagst du das kranke wasser schläft sich gesund und seine träume schlagen ans ufer
Mond und fledermäuse halten abstand sagst du und der streifen niemandsland ist ihr geschenk an uns
auf unsere seite fällt ein stern die liebe erhellend und also sagst du ist der himmel auf unserer seite
da neigen sich laub und grünes gras und geben uns frei aufgepflanzt stehen im büchsenlicht die gewehre
auf die erde in deckung drückt dich mein kuss sei leise sag ich wir lieben uns an den wassern von BABYLON
Hildegard Wohlgemuth
Chance der Bärenraupe, über die Straße zu kommen
Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Zwanzig Autos in einer Minute. Fünf Laster. Ein Schlepper, Ein Pferdefuhrwerk.
Die Bärenraupe weiß nichts von Autos. Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist. Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds,
Die Bärenraupe weiß nur, daß jenseits Grün wächst. Herrliches Grün, vermutlich freßbar. Sie hat Lust auf Grün. Man müßte hinüber.
Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen. Zwanzig Autos in der Minute.
Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik. Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk, Geht los und geht und geht und geht und kommt an.
Rudolf Otto Wiemer
Engel
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
Sie gehen leise, Sie müssen nicht schrein, oft sind sie alt und häßlich und klein, die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, derEngel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht, und er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht, der Engel,
Er steht im Weg, und er sagt: Nein, der Engel, groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
Rudolf Otto Wiemer
Jenseits
I
Wie sie aussehen werden die Engel Vielleicht wie Krähen?
Wie sie uns drüben empfangen Wenn Sie uns empfangen?
Ob es das gibt Ein Du,
Ob wir eine Stimme bekommen glockenrein.
Es heißt doch, es würde gesungen.
Oder die Hölle ist: Der Gesang der Sphären Zu laut.
Ein Kontrollpunkt vielleicht
Mit den Wegweisern der alten Hekate.
Aber wer kann das noch denken Aus-denken Verdammt.
Auf keinen Fall werden dort sein Ausschließlich Bischöfe
Den Krummstab in der Hand
Polonäse Durch die Abstellräume des Himmels.
Vielleicht hat jeder Seine eigene Seligkeit
Eine alte von diesseits
Wir sprechen's nicht aus.
Vielleicht auch umarmen sich Knochengerüste
Röntgenhände spielen mit Röntgenhänden (Man sieht noch die Ringe).
Wo blüht das Fleisch und seine Auferstehung
Wo blüht das auferstandene Fleisch?
Von Geisterschlacht hörte ich reden
Und Flug der Seelen rundum Unaufhörlich rundum.
Ich frage mich
Was heißt Ihm Sommerabend.
Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken,
Blind blindlings Blindekuh
Und Kopf im Sack,
III
Weiter gefragt
Weil Fragen nichts kostet
Nach deinen da oben
Du unten
Gültigen Losungsworten
Nach Deinen Feuerzeichen Totenspielen
Nach Deinen auf den Mauern wehenden
Sträuchern
Großmäulig
Unsere toten Geliebten
Fremdgoldenes Zion Noch Deinen fegfeurigen Wartehallen Vertrautes Staubland Nach dem der am Hafen steht Wenn wir kommen wächsern im Einbaum Leichenstarrer Geleitzug Unter der Zunge fromme Münze In die Hände gefaltet Das wir nicht heilig hielten Das Weiter gefragt Weil fragen nichts kostet Kostet doch Kostet viel.
IV
Ich versuche bemühe mich
Um Nichthaus und Nichtland
Um Nichtwort und Nichtwind
Absterben langsam
Der Ranke Erinnerung
Die noch suchte und klopfte
Verdorrt auf den Lippen
Das Fädchen Blut
Sollten wir doch gerichtet werden
Hinaufgerissen
Hinabgestoßen
Sollten da doch die Fürbitter stehen
Ausgeregnet die Flamme
Der Siebenkranz nicht mehr zitternd
Tasten nach einer da ist keine Wand
Hinlegen die Glieder da ist nicht worauf
Da ist keine Sitzordnung
Niemand wird ausgespieen
Niemand zur Rechten
Eintöniger Fall über Fall
Vergessene Wiederkehr
Zuversicht letzte,
Aus uns wird das Schweigen gemacht.
Bedenket die Gnade:
Das Schweigen.
Marie Luise Koschnitz
Die Sprache, die einmal ausschwang, Dich zu loben, Zieht sich zusamme n, singt nicht mehr In unserem Essigmund. Es ist schon viel, Wenn wir die Dinge in Gewahrsa m nehmen, Einsperren in Kästen aus Glas wie Pfauenaug en Und sie betrachten am Feiertag, Irgendwo anders hinter sieben Siegeln Stehen Deine Psalmen neuerdings aufgeschri eben. Landschaft aus Logarithmen, Wälder voll
Unbekannter. Wurzel der Schöpfung. Gleichung Jüngster Tag.
Zwischen Liebe und Liebe setzt Du das alte Tabu,
Die Furcht vor einer Krankheit ohne Namen,
Deren Erscheinungen sind
Absterben der Glieder,
Atem mit Todesgeruch,
Würgergefühl am Hals.
Ein Ton ist in der Luft Vorüberzug,
Furcht schließt des Sämanns Faust. Der Schoß der
Erde wird winterlich, und in der goldenen Kammer, 0 das Alleinsein Brust an Brust.
Mit denen, die Dich auf die alte Weise
Erkennen wollen, gehst Du unsanft um.
Vor Deinen Altären läßt Du ihr Herz veröden,
In Deinen schönen Tälern schlägst Du sie
Mit Blindheit. Denen, die Dich zu loben
versuchen,
Spülst Du vor die Füße den aufgetriebenen
Leichnam. Denen, die anheben von Deiner Liebe zu reden, Kehrst Du das Wort im Mund um, läßt sie heulen Wie Hunde in der Nacht.
Du willst vielleicht gar nicht, daß von Dir die
Rede sei. Einmal nährtest Du Dich von Fleisch und Blut, Einmal vom Lobspruch. Einmal vom Gesang Der Räder. Aber jetzt vom Schweigen. Unsere blinden Augen sammelst Du ein Und formst daraus den Mondsee des Vergessens. Unsere gelähmten Zungen sind Dir lieber Als die tanzenden Flammen Deines
Pfingstwunders, Sicherer wohnst Du als im Gotteshause Im Liebesschatten der verzagten Stirn.
Marie Luise Koschnitz
Das alte Thema
1.
Ab und zu
Du
Gott noch immer Unbekannter
Berührst uns
Wie der an die Decke
Der Sistina gemalte
Den eben erst
Erschaffenden Adam
Nur mit einem Finger
Da fliegen wir
Für diesen Augenblick
Dir im Konvoi
Da nährst Du uns
Von Kuppe zu Kuppe
Mit dem Mut Deines Anfangs
Wir aus demselben Stoff gemacht
Wie Du
Noch ohne Blutgeruch
Ur-Brandgeruch
Schöpfer Geschöpf
Wir flogen
Liebten uns
Uneingeschränkt
Zum ersten letzten Mal
2.
Der alte Brunnen
Noch lange nicht ausgeschöpft
Nicht oft genug
Angegangen
Auf Tagwegen Nachtwegen
Der Schindanger Golgatha
Nicht genug
Masken abgerissen und altem Flitter
Nicht genug
Gedankt
Gedankt wofür
Für Biafra und Indochina
Für die Gaskammern Folterkammern Todeszellen
Für den schäbigen Trost
Die winzige Verheißung
Dafür gedankt?
3.
Komm näher mir
Mein armer Bräutigam
Der nichts zustande gebracht hat
In zwei Jahrtausenden
Dem seine Wunden nicht fruchteten
Und die Dornenkrone nicht blühte ...
4.
Du Bettler, Bruder, Bruder
Geh in mich ein
Streck deine Arme
In meinen Armen aus
Deine Finger
In meinen Fingern
Erfülle mich
Mit deiner Ungeduld
Die auch Geduld war
Überirdische
Wie man es nimmt
5.
Wie man Sie nimmt
Umenschlicher Herr Jesus
Den wir nicht länger anreden
Mit dem vertraulichen Du
Auf jeden Fall haben die Forscher jetzt
Herausbekommen daß Ihr Kreuzestod
Eine Folterung ersten Ranges war
Und äußerst schmerzhaft,
(Von den Schächern spricht
In diesem Zusammenhang keiner)
6.
Wenn einer alt ist heißt es Er kriecht zu Kreuze
Aber so ist es nicht
Das Kreuz geht übers Feld
In seinem Rücken schiebt sich ihm
Unter die Schultern
Die Nägel kommen geflogen
Nur
Nicht jeder der leidet ist heilig
7.
Noch ein neues Land
Aber ich fürchte mich
Was werde ich sehen
Die alten Hungerbäuche
Und hören die alten
Gehetzten Schritte
Die Schlüge auf nacktes Fleisch
8.
Ein neues Land
0 Reiselust und Furcht
Denn wer sagt, daß dort wirklich Frieden ist
Luft zu atmen
Und reine Strände
Swimming in lovely sea?
Die Kinderengel vielleicht
Tragen ihre alten Napolmgesichter
Das stand nicht im Prospekt
Oder doch
Oder doch?
Marie Luise Kaschnitz
Sich weiterquälen
Warum zwingst du mich, Herr, diese Wüste zu durchqueren? Ich quäle mich inmitten der Dornen,
Nur eines Zeichens aber bedarf es von dir, daß die Wüste sich wandelt, daß der blonde Sand und der Horizont und der große, stille Wind nichts Fremdes mehr sind und nichts Zufälliges, sondern ein weites Reich, durch das hindurch ich dich erkenne,
Antoine de Saint-Exupéry
An die Nachgeborenen
1 Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist töricht, Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Der dort ruhig über die Straße geht Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die in Not sind?
Es ist wahr: Ich verdiene noch meinen Unterhalt Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, Bin ich verloren).
Man sagt mir: Iß und trink du! Sei froh, daß du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Ich es den Hungernden entreiße, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich.
Ich wäre gerne auch weise. In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit Ohne Furcht verbringen Auch ohne Gewalt auskommen Böses mit Gutem vergelten Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen Gilt für weise. Alles das kann ich nicht: Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
II
In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte,
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten Schlafen legte ich mich unter die Mörder Der Liebe pflegte ich achtlos Und die Natur sah ich ohne Geduld. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit. Die Sprache verriet mich dem Schlächter. Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.
Die Kräfte waren gering. Das Ziel Lag in großer Ferne. Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich Kaum zu erreichen. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.
III
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch: Auch der Haß der Niedrigkeit Verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser. Ach, wir Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es so weit sein wird Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist Gedenkt unsrer Mit Nachsicht.
Bert Brecht
Einer
wird den Ball
aus der Hand der furchtbar
Spielenden nehmen.
Sterne haben ihr eigenes Feuergesetz
und ihre Fruchtbarkeit
ist das Licht
und Schnitter und Ernteleute
sind nicht von hier.
weit draußen
sind ihre Speicher gelagert
auch Stroh
hat einen Augenblick Leuchtkraft
bemalt Einsamkeit.
Einer wird kommen und ihnen das Grün der Frühlingsknospe an den Gebetmantel nähen und als Zeichen gesetzt an die Stirn des Jahrhunderts die Seidenlocke des Kindes.
Hier ist Amen zu sagen diese Krönung der Worte die ins Verborgene zieht und Frieden du großes Augenlid das alle Unruhe verschließt mit deinem himmlischen Wimpernkranz
Du leiseste aller Geburten.
Nelly Sachs
Wie leicht wird Erde sein nur eine Wolke Abendliebe wenn als Musik erlöst der Stein in Landsflucht zieht
und Felsen die als Alp gehockt auf Menschenbrust Schwermutgewichte aus den Adern sprengen
Wie leicht wird Erde sein nur eine Wolke Abendliebe wenn schwarzgeheizte Rache vom Todesengel magnetisch angezogen an seinem Schneerock kalt und still verendet.
Wie leicht wird Erde sein nur eine Wolke Abendliebe wenn Sternenhaftes schwand mit einem Rosenkuß aus Nichts
Nelly Sachs
Die Todesfuge
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen
dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grob in den Wolken
da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens
wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns
er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Paul Celan
Mandorla
In der Mandel - was steht in der Mandel? Das Nichts. Es steht das Nichts in der Mandel. Da steht es und steht.
Im Nichts - wer steht da? Der König. Da steht der König, der König. Da steht er und steht.
Judenlocke, wirst nicht grau
Und dein Aug - wohin steht dein Auge? Dein Aug steht der Mandel entgegen Dein Aug, dem Nichts stehts entgegen. Es steht zum König. So steht es und steht.
Menschenlocke, wirst nicht grau. Leere Mandel, königsblau.
Paul Celan
Laß mich nicht sinken
Laß mich nicht sinken, laß die Seele nicht Im Schmerz ermatten, nicht die dumpfe Haft Der Krankheit brechen letzte Glaubenskraft Und nicht die Klagen enden mein Gedicht!
Gewähre unbefleckte Zuversicht, Des Herzens Macht, des Geistes Leidenschaft, Der sich aus Leiden reinste Bilder schafft. Und dankt und feiert, wenn die Form zerbricht!
Laß alle Schmerzen innig sich durchdringen, Den Staub zu Iäutern, eh den Geist er beugt! Geduld ist alles, die am Feuer wacht.
In schweren Nächten wachsen zage Schwingen; Gewähre mir den Sturm, der Dich bezeugt Und überrascht und fortreißt in der Nacht!
Reinhold Schneider
Aus den Sonetten
Allein den Betern kann es noch gelingen, Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten Und diese Welt den richtenden Gewalten Durch ein geheiligt Leben abzuringen.
Denn Täter werden nie den Himmel zwingen; Was sie vereinen wird sich wieder spalten, Was sie erneuern über Nacht veralten, Und was sie stiften Not und Unheil bringen.
Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,
Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt Und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert, Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.
Reinhold Schneider
Die himmlische Rechenkunst
Was dem Herzen sich verwehrte, laß es schwinden unbewegt. Allenthalben das Entbehrte wird dir mystisch zugelegt.
Liebt doch Gott die leeren Hände, und der Mangel wird Gewinn. Immerdar enthüllt das Ende sich als strahlender Beginn.
Jeder Schmerz entläßt dich reicher, preise die geweihte Not. Und aus nie geleertem Speicher nährt sich das geheime Brot.
Werner Bergengruen
Nichts gib mir, Gott
Gib unser keinem, Gott, um was wir flehen, Verworrne, die getrübtes Licht beriet! Nein, einen jeden lasse nur geschehen, wie in der Schöpfung alles Ding geschieht, der Flug, der Fall, das Blühen und Verwehen, der Berge Glühn, das Wachsen im Granit, der Lachse Sprung, des Efeus Überstehen, des Mondes Spiegelung im blassen Teich. Nichts gib mir, Gott. Nein, laß mich nur geschehen, dem Stein, dem Laube, den Gestirnen gleich, und gönne mir, mit ihnen einzugehen und mit den Kindern in dein Himmelreich.
Werner Bergengruen
Stufen
Du kennst das Geheimnis der versiegenden Quellen, Gott, du kennst das Geheimnis', Du weißt, warum ein blühendes Land verdorrt, du weißt, warum uralt-heilige Tore sich schließen, du kennst das dunkle Gesetz des fallenden Sterns, und wenn der Ruhm eines ganzen Jahrhunderts erlischt wie eines einzigen Tages vorübervolles Erglänzen, wenn eines Jahrtausends Stimme plötzlich verstummt, als wärs eines kleinen Vogels abendliches Gezwitscher du kennst das Geheimnis, Gott, du kennst das Geheimnis unsrer versiegenden Quellen.
Gertrud von le Fort
Ja zu Gott: ja zum Schicksal und ja zu dir selbst. Wenn das Wirklichkeit wird, dann mag die Seele verwundet werden, aber sie hat die Kraft zu genesen,
Dag Hammarskjöld
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf' um Stufe heben, reifen. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden; des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse
Komm du, du letzter, den ich anerkenne, heilloser Schmerz im leiblichen Geweb: wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne in dir; das Holz hat lange widerstrebt, der Flamme, die du loderst, zuzustimmen, nun aber nähr' ich dich und brenn in dir. Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen ein Grimm der Hölle nicht von hier. Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen, so sicher nirgend Künftiges zu kaufen um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg. Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt? Erinnerungen reiß ich nicht herein. 0 Leben, Leben: Draußensein, Und ich in Lohe. Niemand der mich kennt.
Rainer Maria Rilke
0 Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens:
daß ich Liebe übe, wo man sich haßt;
daß ich verzeihe, wo man sich beleidigt;
daß ich verbinde, wo Streit ist;
daß ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht;
daß ich den Glauben bringe, wo der Zweifel
drückt,
daß ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung
quält,
daß ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert;
daß ich Freude mache, wo der Kummer wohnt,
Ach Herr, laß du mich trachten: nicht, daß ich getröstet werde, sondern daß ich andere tröste; nicht, daß ich verstanden werde, sondern daß ich andere verstehe; nicht, daß ich geliebt werde, sondern daß ich andere liebe.
Denn wer da hingibt, der empfängt, wer sich selbst vergißt, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.
Aus der Tradition des Franz von Assisi
Wenn Dein Bogen zerbrochen ist und du hast keine Pfeile mehr, dann schieß! Schieß mit deinem ganzen Sein.
Zen
Rabbi Israel Baal Schem-Tov
Eines Tages versuchte der große Rabbi Israel Baal Schem-Tov, berühmt für seine Macht über Himmel und Erde, wieder einmal, den Schöpfer zu zwingen.
Brennend vor Ungeduld, hatte er schon zu wiederholten Malen versucht, den Prüfungen des Exils ein Ende zu machen, diesmal würde es ihm gelingen: Durch die halb geöffnete Tür sollte der Messias eintreten und die Kinder und Greise trösten, die Ihn erwarteten, nur Ihn erwarteten. Das Exil hatte schon allzu lange gedauert, die Menschen sollten nun endlich frohlocken können.
Entrüstet lief Satan zu Gott und protestierte, sich auf die unabänderlichen Gesetze der Geschichte, der Vernunft und vor allem der Gerechtigkeit berufend. Was mischt der Mensch sich ein? Verdient denn die Welt schon die Erlösung? Der Messias darf doch erst kommen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind -sind sie erfüllt?
Und Gott - der doch gleichfalls Gerechtigkeit will mußte anerkennen, daß diese Argumente wohl begründet waren. Lo lkschar dara, die Menschheit war noch nicht reif, den Erlöser zu empfangen. Und weil er gewagt hatte, die Ordnung der Schöpfung umzustoßen, wurde Israel BaalSchem-Tov bestraft: Er wurde auf eine ferne, unbekannte Insel verschlagen, als Gefangener von Räubern und Dämonen. Ihm zur Seite stand nur sein treuer Geführte und Schreiber, Reb Zwi
Hersch Soifer. Noch nie hatte dieser seinen Meister so niedergeschlagen, so bedrückt gesehen.
"Rabbi, tut etwas, sagt etwas!"
'Ich kann nicht. Man gehorcht mir nicht mehr."
'Aber Euer geheimes Wissen, Eure göttlichen Gaben? Was ist damit, Rabbi?"
"Vergessen", sagte der Meister. "Verschwunden, zerronnen. All mein Wissen wurde mir genommen. Ich erinnere mich an nichts mehr."
Ersah, wie sein Gefährte in Verzweiflung versank, und dieser herzzerreißende Anblick spornte ihn zur Tat an.
,' Nur Mut", sagte er. 'Noch ist nicht alles verloren. Du bist hier, das ist gut, Du kannst uns retten. Du brauchst nur zu wiederholen, was ich dich gelehrt habe. Ein Gleichnis, ein Gebet. Ein kleiner Brocken meiner Lehre wird genügen,"
Unglücklicherweise hatte auch Reb Zwi-Hersch alles vergesen: gleich seinem Meister hatte er sein Gedüchtnis verloren,
"Du erinnerst dich an nichts?" schrie der BaalSchem.
'Wahrhaftig an nichts?" 'Nichts, Rabbi, außer ... ,' ... außer was?"
'Das Aleph-Beth."
'Also, worauf wartest du noch? Fang an! Schnell!"
Gehorsam wie immer, begann Reb Zwi-Hersch Solfer langsam, schmerzlich, die ersten geheiligten Buchstaben herzusagen die alle Mysterien des Alls enthalten:
"Aleph, Beth, Gimmel, Daleth
Dann fingen sie beide noch einmal von vorne an. Und der Baal-Schem sprach das Alphabeth mit solchem Feuer, daß er schließlich in Ekstase verfiel, Und wenn der Baal-Schem in Ekstase war, konnte ihm nichts widerstehen, das ist ja bekannt, Ohne sich dessen überhaupt bewußt zu werden, gelang es ihm, Aufenthaltsort und Umgebung zu wechseln; er zerriß die Ketten, löste den Bann: Meister und Schreiber fanden sich zu Hause wieder, sicher und geborgen, reicher und von noch größerer Sehnsucht verzehrt als zuvor.
Der Messias war nicht gekommen.
Elie Wiesel
Wer glaubt, muß allen Dingen gestorben sein,
dem Guten und dem Bösen,
dem Tod und dem Leben,
der Höll und dem Himmel
und von Herzen bekennen,
daß er aus eigenen Kräften nichts vermag.
Er sieht nichts, sondern ist der finstere Weg.
Er muß von dem gewissen Ufer dieses Lebens
hinüberspringen in den Abgrund,
da kein Fühlen noch Sehen,
noch Fußen noch Stützen ist.
Martin Luther
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Einkehr - Stille - Gebet
Seid stille und erkennt,
daß ich Gott bin.
Psalm 46,11
Das Gebet beginnt im Schweigen
und endet im Schweigen:
der Erfahrung der Gegenwart Gottes.
Gerd Heinz-Mohr
du da du alles schon weißt,
mag ich nicht beten -
tief atme ich ein
lang atme ich aus
und siehe:
du lächelst
Kurt Marti
Ich lasse mich dir, Herr, und bitte dich:
Mach ein Ende aller Unrast,
Meinen Willen lasse ich dir.
Ich glaube nicht mehr, daß ich selbst verantworten kann,
was ich tue und was durch mich geschieht.
Führe du mich und zeige mir deinen Willen.
Meine Gedanken lasse ich dir.
Ich glaube nicht mehr, daß ich so klug bin,
mich selbst zu verstehen,
dieses ganze Leben oder die Menschen,
Lehre mich deine Gedanken denken.
Meine Pläne lasse ich dir.
Ich glaube nicht mehr, daß mein Leben seinen Sinn findet
in dem, was ich erreiche von meinen Plänen.
Ich vertraue mich deinem Plan an,
denn du kennst mich.
Meine Sorgen um andere Menschen lasse ich dir.
Ich glaube nicht mehr,
daß ich mit meinen Sorgen irgend etwas bessere.
Das liegt allein bei dir. Wozu soll ich mich sorgen?
Die Angst vor der Übermacht der anderen lasse ich dir,
Du warst wehrlos zwischen den Mächtigen,
Die Mächtigen sind untergegangen. Du lebst.
Meine Furcht vor meinem eigenen Versagen lasse ich dir.
Ich brauche kein erfolgreicher Mensch zu sein,
wenn ich ein gesegneter Mensch sein soll
nach deinem Willen.
Alle ungelösten Fragen, alle Mühe mit mir selbst,
alle verkrampften Hoffnungen lasse ich dir.
Ich gebe es auf, gegen verschlossene Türen zu rennen,
und warte auf dich. Du wirst sie öffnen.
Ich lasse mich dir. Ich gehöre dir, Herr.
Du hast mich in deiner guten Hand. Ich danke dir.
Jörg Zink
In dir sein, Herr, das ist alles.
Das ist das Ganze, das Vollkommene, das Heilende.
Die leiblichen Augen schließen,
die Augen des Herzens öffnen
und eintauchen in deine Gegenwart.
Ich hole mich aus aller Zerstreutheit zusammen
und vertraue mich dir an.
Ich lege mich in dich hinein
wie in eine große Hand.
Ich brauche nicht zu reden, damit du mich hörst.
Ich brauche nicht aufzuzählen, was mir fehlt,
ich brauche dich nicht zu erinnern
oder dir zu sagen, was in dieser Welt geschieht
und wozu wir deine Hilfe brauchen.
Ich will nicht den Menschen entfliehen
oder ihnen ausweichen,
Den Lärm und die Unrast will ich nicht hassen.
Ich möchte sie in mein Schweigen aufnehmen
und für dich bereit sein.
Stellvertretend möchte ich schweigen
für die Eiligen, die Zerstreuten, die Lärmenden.
Stellvertretend für alle, die keine Zeit haben.
Mit allen Sinnen und Gedanken warte ich,
bis du da bist.
In dir sein, Herr, das ist alles,
was ich mir erbitte.
Damit habe ich alles erbeten,
was ich brauche für Zeit und Ewigkeit.
Jörg Zink
Ich sitze hier vor dir, Herr,
aufrecht und entspannt, mit geradem Rückgrat.
Ich lasse mein Gewicht
senkrecht durch meinen Körper
heruntersinken auf den Boden,
auf dem ich sitze.
Ich halte meinen Geist
fest in meinem Körper.
Ich widerstehe seinem Drang,
aus dem Fenster zu entweichen,
an jedem anderen Ort zu sein
als an diesem hier,
in der Zeit noch vorn und hinten auszuweichen,
um der Gegenwart zu entkommen.
Sanft und fest halte ich meinen Geist dort,
wo mein Körper ist: hier in diesem Raum.
In diesem gegenwärtigen Augenblick
lasse ich alle meine Pläne, Sorgen und Ängste los,
Ich lege sie jetzt in deine Hände, Herr.
Ich lockere den Griff, mit dem ich sie halte,
und lasse sie dir.
Für den Augenblick überlasse ich sie dir.
Ich warte auf dich, passiv und erwartungsvoll.
Du kommst auf mich zu,
und ich lasse mich von dir tragen.
Ich beginne die Reise nach innen.
Ich reise in mich hinein
zum innersten Kern meines Seins, wo du wohnst,
An diesem tiefsten Punkt meines Wesens
bist du immer schon vor mir da,
schaffst und stärkst ohne Unterlaß
meine ganze Person.
Gott, du bist dynamisch.
Du bist in mir.
Du bist hier.
Du bist jetzt.
Du bist.
Du bist der Grund meines Seins.
Ich lasse los.
Ich sinke und versinke in dir.
Du überflutest mein Wesen.
Du nimmst ganz von mir Besitz.
Ich lasse meinen Atem
zu diesem Gebet der Unterwerfung
unter dich werden.
Mein Atem, mein Ein- und Ausatmen,
ist Ausdruck meines ganzen Wesens.
Ich tue für dich,
mit dir,
in dir.
Ich bin du 'geworden".
Du bist ich 'geworden".
Wir atmen miteinander.
Und nun öffne ich meine Augen,
um dich in der Welt
der Dinge und Menschen zu schauen.
Ich nehme die Verantwortung für meine Zukunft
wieder auf mich.
Ich nehme meine Pläne, meine Sorgen,
meine Ängste wieder auf.
Ich ergreife aufs neue den Pflug,
aber nun weiß ich,
daß deine Hand über der meinen liegt
und ihn mit der meinen ergreift.
Mit neuer Kraft trete ich
die Reise nach außen wieder an,
nicht mehr allein,
sondern mit dem Schöpfer als Partner.
Ein Theologe / Schottland
Schweigen
Nicht nur still werden und den
Lärm abschalten, der mich umgibt.
Nicht nur entspannen und die
Nerven ruhig werden lassen.
Das ist nur Ruhe.
Schweigen ist mehr.
Schweigen heißt: mich loslassen
nur einen winzigen Augenblick
verzichten auf mich selbst
auf meine Wünsche
auf meine Pläne
auf meine Sympathien und Abneigungen
auf meine Schmerzen und meine Freuden
auf alles, was ich von mir denke
und was ich von anderen halte
auf alle Verdienste
auf alle Taten.
Nur einen Augenblick DU sagen
und Gott da sein lassen,
Nur einen Augenblick sich lieben lassen
ohne Vorbehalt
ohne Zögern
bedingungslos
und ohne auszuschließen,
daß ich nachher brenne.
Das ist Schweigen vor Gott.
Dann ist im Schweigen
Stille
und Reden
und Handeln
und Leiden
und Hoffen
und Lieben
zugleich.
Dann ist Schweigen:
Empfangen.
Auf dieses Schweigen
weiß ich keine Antwort
als: neues Schweigen,
weil Gott größer ist,
weil jede versuchte Antwort
zu klein gerät.
Und doch habe ich keine
Angst
zu reden
und zu handeln.
Weil das Schweigen
eines Augenblicks
vor Gott
und mit Gott
und in Gott
die lauten Stunden erlöst.
Taizé
Stille, du meine Geliebte ...
Stille, du bist mir treu.
Ich brauche Minuten,
manchmal auch Stunden,
um dich in mich einzulassen.
Du weitest mir den Blick.
Du reinigst mich von den Sünden.
Du führst mich
zu den innersten Schichten
des Wesens,
Stille, in dir fühle ich mich daheim.
Stille, du betrügst mich nicht.
Die Oberfläche hat mich oft genarrt.
Tief innen im Wesen
sitzt die Wahrheit.
Wer sucht sie?
wer findet sie?
Du meine Geliebte, du Stille!
Du bereitest mir die größte Freude.
Durch dich lerne ich schauen,
lerne ich denken,
lerne ich beten
lerne ich, Mensch sein.
Martin Gutl
Segensspruch (nach Psalm 139):
Gott ist hinter mir,
denn von ihm komme ich, und er ist mir Rückhalt und Kraft, die mich stützt.
Gott ist vor mir,
denn von ihm kommt unablässig der Strom der Gaben und Aufgaben auf mich zu, zumal in den Menschen, die mir begegnen, Und zu ihm bin ich immer unterwegs; auf ihn gehe ich zu.
Gott ist unter mir,
denn er trägt mich im Dasein, Ohne ihn würde ich ins Nichts versinken.
Gott ist über mir,
er sieht mich und lenkt mich und läßt mich den rechten Weg finden,
Gott ist rings um mich,
denn ich komme mit meinen Fehlern zu ihm. Dann umarmt er mich wie der Vater den verlorenen Sohn und hält mich fest umfangen.
Gott ist in mir.
Er gibt mir Freude und Frieden in mein Inneres, Liebe und Geduld, Vertrauen und eine große Erwartung.
In der Stille, wo dich niemand stört, denke an den Gott, der hinter dir ist und vor dir, unter dir und über dir, rings um dich und in dir, und sprich dabei immer:
"Mein Gott, da bin ich";
Oder: 'Erbarme dich."
Dann wirst du bald erfahren, was ich erfahre, und wirst nicht nur wissen, wo Gott ist, sondern wie er da ist und was er für uns ist,"
Klemens Tilmann
Die längste Reise
ist die Reise nach innen.
Wer sein Los gewählt hat,
wer die Fahrt begann
zu seiner eigenen Tiefe
(gibt es denn Tiefe?) -
noch unter euch,
ist er außerhalb der Gemeinschaft,
abgesondert in eurem Gefühl
gleich einem Sterbenden
oder wie einer, den der nahende Abschied
vorzeitig weiht
zu jeglicher Menschen endlicher Einsamkeit,
Zwischen euch und jenem ist Abstand,
ist Unsicherheit -
Rücksicht.
Selber wird er euch sehen
abgerückt, ferner,
immer schwächer eures Lockrufs
Stimme hören.
Dag Hammarskjöld
Du, der über uns ist,
Du, der einer von uns ist,
Du, der ist -
auch in uns;
daß alle dich sehen - auch in mir,
daß ich den Weg bereite für dich,
daß ich danke für alles, was mir widerfuhr.
Daß ich dabei nicht vergesse der anderen Not.
Behalte mich in deiner Liebe,
so wie du willst, daß andere bleiben in der meinen.
Möchte sich alles in diesem meinem Wesen zu
deiner Ehre wenden,
und möchte ich nie verzweifeln.
Denn ich bin unter deiner Hand,
und alle Kraft und Güte sind in dir.
Gib mir einen reinen Sinn - daß ich dich erblicke,
einen demütigen Sinn - daß ich dich höre,
einen liebenden Sinn - daß ich dir diene,
einen gläubigen Sinn - daß ich in dir bleibe.
Dag Hammarskjöld
Vor dir, Vater,
in Gerechtigkeit und Demut,
mit dir, Bruder,
in Treue und Mut,
in dir, Geist,
in Stille.
Dag Hammarskjöld
Verstehen - durch Stille,
Wirken - aus Stille,
Gewinnen - in Stille.
'Soll das Auge die Farben gewahren, so muß es selber zuvor
aller Farben entkleidet sein."
Dag Hammarskjöld
Erbarme dich
unser.
Erbarme dich
unseres Strebens,
daß wir
vor dir
in Liebe und Glauben,
Gerechtigkeit und Demut
dir folgen mögen,
in Selbstzucht und Treue und Mut und in Stille
dir begegnen.
Gib uns
reinen Geist,
damit wir dich sehen,
demütigen Geist,
damit wir dich hören,
iebenden Geist,
damit wir dir dienen,
gläubigen Geist,
damit wir dich leben.
Du,
den ich nicht kenne,
dem ich doch zugehöre.
Du,
den ich nicht verstehe,
der dennoch mich weihte
meinem Geschick.
Du -
Dag Hammarskjöid
Andacht
Jenseits des Wortes:
die Andacht
ekstatisch und unbewegt
weder rastlos noch träge
weder hungrig noch satt
jenseits von Abschied Advent
zwischen Geburt und Tod
ewiger Augenblick
zwischen Nirvana und Nirvana
flüchtige Gegenwart
wenn das Staunen erwacht
Worte und Werke verlässt
auf das Werden zurückschaut
wie auf überwundenen Wahn
todbereit lebensbereit
Reimar Lenz
Quarrtsiluni
Majuaq war eine greise Eskimofrau. Knud Rasmussen, der Forscher, hatte sie gebeten, ihm aus der Geschichte ihres Stammes zu erzählen. Die alte Majuaq schüttelte den Kopf und sagte: 'Da muß ich erst nachdenken, denn wir Alten haben einen Brauch, der Quarrtsiluni heißt."
'Was ist Quarrtsiluni?'
'Das werde ich dir jetzt erzählen, aber mehr bekommst du heute auch nicht zu hören."
Und Majuaq erzählte mit großen Handbewegungen: "In alten Tagen feierten wir jeden Herbst große Feste zu Ehren der Seele des Wales, und diese Feste mußten stets mit neuen Liedern eröffnet werden; alte Lieder durften nie gesungen werden, wenn Männer und Frauen tanzten, um den großen Fangtieren zu huldigen. Und da hatten wir den Brauch, daß in jener Zeit, in der die Männer ihre Worte zu diesen Hymnen suchten, alle Lampen ausgelöscht werden mußten. Es sollte dunkel und still im Festhaus sein.
Nichts durfte stören, nichts zerstreuen. In tiefem Schweigen saßen sie in der Dunkelheit und dachten nach, alle Männer, sowohl die alten wie die jungen, ja sogar die kleinsten Knäblein, wenn sie nur eben so groß waren, daß sie sprechen konnten. Diese Stille war es, die wir Quarrtsiluni nannten. Sie bedeutet, daß man auf etwas wartet, das aufbrechen soll.
Denn unsere Vorväter hatten den Glauben, daß die Gesänge in der Stille geboren werden. Dann entstehen sie im Gemüt der Menschen und steigen herauf wie Blasen aus der Tiefe des Meeres, die Luft suchen, um aufzubrechen. So entstehen die heiligen Gesänge."
Eskimos
Wirk nicht voraus,
sende nicht aus,
steh
herein:
durchgründet vom Nichts,
ledig allen
Gebets,
feinfügig, nach
der Vor-schrift,
unüberholbar,
nehm ich dich auf,
statt aller Ruhe.
Paul Celan
Oh komm, Gewalt der Stille
Wir sind so sehr verraten
von jedem Trost entblößt.
In all den schrillen Taten
ist nichts, das uns erlöst.
Wir sind des Fingerzeigens,
der plumpen Worte satt.
Wir woll'n den Klang des Schweigens,
der uns erschaffen hat.
Gewalt und Gier und Wille
der Lärmenden zerschellt.
Oh komm, Gewalt der Stille,
und wandle du die Welt.
Werner Bergengruen
Gott sagt nicht:
"Das ist ein Weg zu mir, das aber nicht",
sondern er sagt:
"Alles, was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust, daß es dich zu mir führt."
Martin Buber
Hymne auf die Stille
Stille, du Musikantin der Früchte! Die du Keller, Kammern und Speicher bewohnst! Du Gefäß voller Honig, den der Fleiß der Bienen ansammelt! Du Ruhe des Meeres in seiner Fülle! Stille, in die ich die Stadt von der Höhe der Berge einschließe, ihren verstummten Wagenlärm, ihre Schreie und den hellen Klang ihrer Schmiedehämmer! Alles ist schon im Gefäß aufgehoben, Gott wacht über unserem Fieber, sein Mantel breitet sich über die Unruhe der Menschen.
Stille der Frauen, die nur noch Fleisch sind, in dem die Frucht reift! Stille der Frauen unter dem Vorrat ihrer schweren Brüste! Stille, in der die Eitelkeiten des Tages, des Lebens, das die Garbe der Tage ist, zur Ruhe kamen! Stille der Frauen, die Heiligtum ist und Fortdauer! Stille, in der sich, dem kommenden Tag entgegen, der einzige Lauf vollzieht, der einem Ziel entgegenführt! Sie hört das Kind, das in ihrem Leib stößt, Stille, Verwahrerin, in die ich meine ganze Ehre und mein ganzes Blut einschloß.
Stille des Menschen, der sich aufstützt und nachdenkt, der fortan ohne Aufwand empfängt und dem Gehalt seiner Gedanken eine Form gibt. Stille, die ihn erkennen läßt und seine Unwissenheit möglich macht, denn zuweilen ist es gut, daß er nicht weiß. Stille, die sich den Würmern, den Schmarotzern und den schädlichen Gräsern versagt, Stille, die dich bei der Entfaltung deiner Gedanken behütet.
Stille, die selbst die Gedanken erfüllt. Ruhe der Bienen, denn der Honig ist bereitet und soll nur noch ein vergrabener Schatz sein. Und ein Schatz, der reift. Stille der Gedanken, die ihre Flügel breiten, denn es ist schlecht, wenn du in deinem Geiste oder deinem Herzen unruhig bist.
Stille des Herzens. Stille der Sinne. Stille der inneren Worte, denn es ist gut, wenn du Gott wiederfindest, der die Stille im Ewigen ist. Wenn alles gesagt, wenn alles getan ist.
Stille Gottes, die dem Schlafe des Hirten gleicht: obwohl dann die Lämmer von den Schafen bedroht zu sein scheinen, ist es der süßeste Schlaf, wenn es keinen Hirten und keine Herde mehr gibt; denn wer vermöchte sie voneinander zu unterscheiden unter den Sternen, wenn alles Schlaf ist, wenn alles ein einziger wollener Schlaf ist.
O Herr! Möchtest DU, wenn DU unsere Schöpfung in die Scheuer einbringst, jenes große Tor der geschwätzigen Rasse der Menschen öffnen; möchtest DU ihnen im ewigen Stall ihren Platz weisen, wenn die Zeiten vollendet sind, und unseren Fragen ihren Sinn nehmen, wie man Krankheiten heilt.
Antoine de Saint-Exupéry
Auf dem Weg der Aktion lernte ich das Phänomen 'Bruder" kennen und lernte begreifen, was Kirche bedeuten kann, Volk Gottes auf dem Weg durch die Wüste, immer noch lm Vollzug seines Exodus der Befreiung und der inneren Eroberung. Jene Zeit hat mir eine kostbare Erinnerung zurückgelassen und eine Menge Freunde, die wie ich das Abenteuer der Liebe durchlebt haben.
Dann geriet ich in eine Krise, die in mir die Krise der Kirche vorwegnahm und die sich ungefähr so ausdrücken läßt:
1. Verlangen nach Armut
2. Ablehnung der Macht
3. Unterscheidung zwischen Religion und Politik
4. Unmöglichkeit, das Evangelium mit irgendeiner Ideologie zu identifizieren.
Damals erlebte ich das massivste Eingreifen Gottes in mein Dasein und wurde mir bewußt, wie sehr er in mein Leben eingetreten war.
Als ich ihm Fragen stellte, statt zu antworten, richtete er eine radikale Forderung an mich: 'Ich will nicht mehr dein Handeln. Ich will deine Liebe.
Laß alles hinter dir.
Komm mit mir in die Wüste. Ich werde zu deinem Herzen sprechen."
Und ich ging in die Wüste.
Ohne die Satzungen der Kleinen Brüder gelesen zu haben, trat ich in ihre Kongregation ein.
Ohne Charles de Foucauld zu kennen, folgte ich ihm nach in die Wüste der Sahara.
Hier begann der zweite Abschnitt meines Lebens, das einzigartige Abenteuer der Wüste.
Wüste bedeutet Läuterung, bedeutet Schwelgen.
Vor allem anderen bedeutet sie Armut.
Als ich von Europa aufgebrochen war, hatte ich alles verlassen. Ich hatte mein Schicksal in die Hände Jesu gelegt, der zu mir sagte: 'Verkaufe alles, was du hast,
gib es den Armen und folge mir nach."
Ja, ich hatte alles verkauft, zumindest alles, was einen Verkaufswert hatte.
Indes, ohne mir darüber Gedanken zu machen, hatte ich ein paar dicke theologische Bücher behalten.
Die hatte ich nicht verkauft.
Ich hatte sie in einem großen Koffer mitgenommen,
dort in die Dünen,
Ich glaubte, diese Bücher seien mir unentbehrlich.
Hätte ich sie zurückgelassen, so hätte ich etwas verloren, was Gott selbst anging.
Die Vorstellung, die ich von Gott hatte, war in diesen Zeilen enthalten.
Ohne die Vorstellung, die ich mir von Gott gebildet hatte, hötte ich mich verloren gefühlt. Wie wenn Gott aus meinem Leben verschwunden wäre.
Und nun war ich dort lm Wüstensand vor der Eucharistie mit meinen Büchern. Sie waren wie ein Schützengraben, in dem ich mich verschanzte..., um zu beten,
Ich konnte stundenlang lesen, was 'man über Gott sagt". Mein Novizenmeister sagte zu mir: 'Laß doch die Termiten deine Bücher verspeisen. Du stell dich arm und nackt vor Gott hin."
Aber ich verstand das nicht.
Um es mich verstehen zu lassen, schickten meine Oberen mich zur Arbeit.
Hacken in der Oase bei 40 Grad Hitze ist nicht leicht. Nach einigen Stunden anstrengender Arbeit war ich fertig, Der Kopf brummte, der Rücken war krumm,
Auf allen Vieren kroch ich in die Fraternität zurück. Und als ich in der Kapelle auf der Strohmatte vor der Eucharistie kniete, war das einzige, was ich noch fertigbrachte, zu weinen.
Du bist hierhergekommen, um Gott zu suchen und zu betrachten, doch wie willst du es anstellen mit einem Kopf, der dir rasend weh tut, und von Müdigkeit so zerschlagen, daß du fast wie ein Tier bist? Wie willst du beten, wenn du so müde bist? Nun, Brüder und Schwestern, gerade in dieser Situation äußerster Armut habe ich eine neue Dimension des Betens entdeckt, die wichtigste, die ich kenne: die Kontemplation.
Mir war es, als würde sich im Heiligsten Herzen etwas wie eine Wunde öffnen, und ich verstand zum ersten Male, daß das Gebet nicht durch das Gehirn, sondern durch das Herz geht.
Gott kannst du nicht mit dem Verstand festhalten, du erreichst ihn mit der Liebe.
Ich fühlte mich solidarisch mit allen Armen der Erde, ich fühlte mich im Chor mit allen denen beten, die nicht mehr zu beten vermögen, so müde sind sie.
Gott ist nicht mit den Reichen, mit den bequemen Leuten, die zum Beten hübsche Rasenflächen, lange Korridore brauchen.
Gott ist der Gott der Armen, der Mutter mit den vielen Kindern, die ihr um die Füße tanzen; der von der schweren Arbeit abgestumpften Bauern, denen es, wenn sie beten wollen, nur zu einem Seufzer reicht,
Alles war umgestülpt, und ich begriff, daß das wahre Gebet ein Akt der Liebe ist, dargeboten ' nachdem man die ganze Kraft des Daseins, all seine Möglichkeiten, den Brüdern zu helfen und sein eigenes Brot zu verdienen, dargeboten hat.
Das ist etwas ganz anderes.
Ich sah, daß das wirkliche Gebet nicht aktiv, sondern passiv ist. Daß es mehr Schweigen ist als Worte-machen. Daß es mehr Kreuz ist als Kultur.
Die Wüste hatte mich beten gelehrt. Die Armut hat mir den Weg gewiesen,
Ich gestehe, daß ich nie mehr von der Wüste weggegangen wäre, so glücklich war ich, und so sehr fühlte ich mich verwirklicht.
Aber ich wußte, ich würde eines Tages wieder heimkehren müssen.
Wir Kleinen Brüder betrachten die Wüste als eine Etappe, eine Pause im Leben, einen ganz bestimmten Zeitabschnitt, für die Suche nach Gott als dem Absoluten.
So war es ja auch bei Jesus.
Danach muß man zurück in die Stadt, zu den Menschen. Die Kirche ist nicht sehr für den Eremitismus als Lebenszweck, und sie hat recht.
Die Wüste, die uns erwartet, ist der Asphalt unserer Städte. Die Kontemplation, die wir suchen müssen, ist die Kontemplation auf den Straßen,
So fand ich mich wieder in Europa. Mitten in der Krise der Kirche und der Welt.
Ich sah, was für eine große Gnade es für mich war, diese langen Jahre in der Einsamkeit der Sahara zu verbringen.
Wenn ich nicht mehr erschrak vor dem, was in der Welt vor sich ging, und vor dem, was in der weltweiten Krise zu Tage kam, so verdankte ich das der Einsamkeit, die mir Kraft gegeben hatte; und noch mehr Kraft hatten mir die Nächte gegeben, die ich auf den Dünen im Gebet verbrachte.
Nun bin ich hier, wie um das Thema meines Lebens abzuschließen.
Im ersten Teil war das Handeln führend, Im zweiten Teil das Gebet.
Jetzt versuche ich, die Synthese von beiden zustandezubringen, Im Grund geht es mir wie der Kirche, die gleichzeitig aktiv und kontemplativ ist.
Es ist für den Christen nicht mehr möglich, die beiden Seinsweisen zu trennen.
Die Aktion genügt; ohne Gebet ist sie leer.
Das Gebet Iäuft Gefahr, zum Selbstbetrug zu werden, ohne den Einsatz in der Gemeinschaft der Menschen.
Schon J. Maritain hat es gesagt: "Was wir heute brauchen, ist die Kontemplation auf den Straßen."
Und das ist ein hinreißendes Abenteuer.
Carlo Coretto
Ich erinnere mich, daß unter den ersten Ratsuchenden, die nach meiner Priesterweihe zu mir kamen, eine alte Dame war, die klagte: 'Vierzehn Jahre lang habe ich fast ununterbrochen gebetet, doch nie habe ich ein Gefühl von der Gegenwart Gottes gehabt." Da fragte ich sie: 'Haben Sie ihm Gelegenheit gegeben, ein Wort einzuwerfen?" 'Wie das?" entgegnete sie, 'Nein, ich habe die ganze Zeit zu ihm gesprochen, ist das nicht etwa Beten?" 'Nein", sagte ich, 'ich glaube nicht, und was ich Ihnen empfehle, das ist, daß Sie sich täglich eine Viertelstunde nehmen sollten, einfach dasitzen und vor dem Angesicht Gottes stricken." So machte sie es. Und was war das Ergebnis? Schon bald kam sie wieder und sagte: 'Das ist ganz merkwürdig ... Wenn ich zu Gott bete, genauer, wenn ich zu ihm spreche, fühle ich nichts, doch wenn ich still dasitze, ihm gegenüber, dann fühle ich mich in seine Gegenwart eingehüllt."
Man wird nie imstande sein, wirklich und aus ganzem Herzen zu Gott zu beten, wenn man nicht lernt, zu schweigen und sich an dem Wunder seiner Gegenwart zu erfreuen oder, anders gesagt, glücklich zu sein über das Wunder des Zusammenseins mit ihm, obgleich man ihn nicht sieht.
Metropolit Anthony
Schwer ist zu Gott der Abstieg. Aber schau:
du mühst dich ab mit deinen leeren Krügen,
und plötzlich ist doch: Kind sein, Mädchen, Frau -
ausreichend, um ihm endlos zu genügen.
Er ist das Wasser: bilde du nur rein
die Schale aus zwei hingewillten Händen,
und kniest du überdies -: ER wird verschwenden
und deiner größten Fassung über sein.
Rainer Maria Rilke
Gott schaut dich, wer immer du seist,
so, wie du bist,
persönlich.
Er "ruft dich bei deinem Namen".
Er sieht dich und versteht dich,
wie er dich schuf.
Er weiß, was in dir ist,
all dein Fühlen und Denken,
Deine Anlagen und deine Wünsche,
deine Stärke und deine Schwäche.
Er sieht dich an deinem Tag der Freude
und an deinem Tag der Trauer.
Er fühlt mit deinen Hoffnungen und Prüfungen,
Er nimmt Anteil an deinen Ängsten und Erinnerungen,
an allem Aufstieg und Abfall deines Geistes.
Er umfängt dich rings
und trägt dich in seinen Armen.
Er liest in deinen Zügen,
ob sie lächeln oder Tränen tragen,
ob sie blühen an Gesundheit oder welken in Krankheit.
Er schaut zärtlich auf deine Hände und deine Füße.
Er horcht auf deine Stimme,
das Klopfen deines Herzens,
selbst auf deinen Atem.
Du liebst dich nicht mehr,
als er dich liebt,
Paul Newman
Wenn man, wozu man dem christlichen Verständnis nach gewiß berechtigt ist, den jetzigen Zustand der Welt betrachtet, das ganze Leben, wie es nun ist, dann müßte man sagen: Es ist eine Krankheit. Und wenn ich ein Arzt wäre und mich jemand fragte: Was meinst du wohl, was getan werden sollte? - ich würde antworten: Das erste, die unbedingte Bedingung dafür, daß überhaupt etwas getan werden kann, also das erste, was geschehen muß, ist: Schaff Schweigen, hilf andern zum Schweigen! Gottes Wort kann nicht gehört werden; und soll es durch lärmende Mittel bedient, ausgeschrieen werden, um in all dem Spektakel noch mitgehört zu werden, dann wird es nicht Gottes Wort. Schaff Schweigen!
0 alles lärmt, und wie man von einem hitzigen Getränk sagen kann, daß es das Blut erregt, so ist in unserer Zeit jedes, auch das unbedeutendste Unternehmen, auch die nichtssagendste Mitteilung nur darauf berechnet, die Sinne aufzupeitschen, die Massen in Bewegung zu bringen, die Menge, das Publikum, den Lärm! Und der Mensch, dieser gerissene Kopf, ist wie schlaflos geworden, um immer neue Mittel zu erfinden, den Lärm zu vermehren und ihn mit dem größtmöglichen Maßstab zu verbreiten. Ja, das Umgekehrte ist bald erreicht, die Mitteilung ist schon bald an dem tiefsten Punkt der Inhaltlosigkeit angelangt, und gleichzeitig haben die Mittellungsmittel das Höchste erreicht in Richtung auf hastige und alles überschwemmende Ausbreitung, und andererseits, was hat größere Ausbreitung als das Gewäsch! O schaff Schweigen!
Sören Kierkegaard
Vater im Himmel,
auf vielerlei Weise redest du zu einem Menschen.
Du, dem Weisheit und Verstand allein gehören,
du willst dich ihm dennoch verständlich machen.
Ach, und wenn du auch schweigst,
so redest du ja doch mit ihm,
denn auch der redet, der schweigt,
um den Lernenden abzuhören;
auch der redet, der schweigt,
um den Geliebten zu prüfen;
auch der redet, der schweigt,
auf daß die Stunde des Einverständnisses
um so innerlicher sei, wenn sie kommt.
Vater im Himmel, ist es nicht also?
O die Zeit des Schweigens,
wenn ein Mensch einsam und verlassen
deine Stimme nicht hört,
so ist es ihm, als sollte die Trennung für immer sein,
O Zeit des Schweigens,
wenn ein Mensch dürstet in der Wüste,
da er deine Stimme nicht hört,
da ist es ihm, als wäre sie ganz entschwunden.
Vater im Himmel, es ist ja doch nur der Augenblick des Schweigens
in der Innerlichkeit des Gesprächs,
so laß es gesegnet sein, auch dieses Schweigen,
wie jedes deiner Worte zu einem Menschen,
laß ihn nie vergessen,
daß du auch noch redest, wenn du schweigst;
schenke ihm diesen Trost, wenn er auf dich baut,
daß du aus Liebe redest,
so daß nun, ob du schweigst oder redest,
du noch derselbe Vater bist.
Sören Kierkegaard
Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich ein größerer
Gegensatz zum Reden ist,
ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst, Beten sei Reden.
Ich lernte aber,
daß Beten nicht nur Schweigen ist,
sondern Hören.
So ist es: Beten heißt nicht,
sich selbst reden hören,
beten heißt, still werden und still sein
und warten, bis der Betende Gott hört.
Sören Kierkegaard
Sieht der Kontemplative auch keine Fortschritte .... schreitet er doch weiter, als wenn er sich nur auf eigenen Füßen bewegte. Gott trägt uns in seinen Armen voran. Daher empfinden wir das Schreiten nicht, obgleich wir im Schrittmaß Gottes dahingetragen werden ... Gott ist der Wirkende ... was er im Innern formt, ist den Sinnen unzugänglich. Es vollzieht sich im Schweigen .... Der Mensch überlasse sich den Händen Gottes. Er liefere sich nicht den eigenen Händen aus.
Johannes vom Kreuz
Wie gut weiß ich den Quell,
der fließt und strömt,
obwohl es Nacht ist.
Ja, jene ew'ge Quelle ist verborgen.
Doch weiß ich gut, wo ihre Bleibe ist,
obwohl es Nacht ist.
Den Ursprung kenn ich nicht, denn sie hat keinen.
Doch aller Ursprung stammt aus ihr.
Ich weiß es, obwohl es Nacht ist.
Ich weiß, daß nichts so schön sein kann wie sie,
daß Himmel und die Erde aus ihr trinken,
obwohl es Nacht ist.
Ich weiß, es findet sich kein Grund in ihr,
und keines Menschen Fuß kann sie durchwaten,
obwohl es Nacht ist.
Die Klarheit, die sie hat, wird nie verdunkelt,
und alles Licht - ich weiß es - stammt von ihr,
obwohl es Nacht ist.
Ich weiß, daß ihre Ströme, reich an Wasser,
die Hölle, Himmel und die Völker tränken,
obwohl es Nacht ist.
Der Strom, den dieser Quell aus sich entläßt,
ist mächtig, ja allmächtig, wie ich weiß,
obwohl es Nacht ist.
Dem Strom, der aus den beiden hier hervorgeht,
ich weiß's, geht keiner von den zwein voran,
obwohl es Nacht ist.
Ja, diese ew'ge Quelle ist verborgen
in diesem Brot, um Leben uns zu geben,
obwohl es Nacht ist.
Von hier wird alle Kreatur gerufen,
und dieses sättigt sie - im Dunkeln,
weil es ja Nacht ist.
Den Lebensquell, nach welchem ich mich sehne,
in diesem Brot des Lebens seh' ich ihn -
jedoch bei Nacht.
Johannes vom Kreuz
Wann du dich willst in Gott
und seinen Abgrund senken,
so mußt du nicht an ihn,
auch nicht an dich gedenken.
Die Gottheit ist ein Brunn,
aus ihr kommt alles her,
und Iäuft auch wieder hin.
Drum ist sie auch ein Meer.
Gott wohnt in einem Licht,
zu dem die Bahn gebricht.
Wer es nicht selber wird,
der sieht ihn ewig nicht,
Wenn ich in Gott vergeh,
so komm ich wieder hin,
wo ich in Ewigkeit
vor mir gewesen bin.
Was man von Gott gesagt,
das g'nüget mir noch nicht:
Die Übergottheit ist
mein Leben und mein Licht,
Gott ist lauter Nichts,
ihn rührt kein Nun noch Hier,
je mehr du nach ihm greifst,
je mehr entwird er dir,
Die Gottheit ist mein Saft:
Was aus mir grünt und blüht,
das ist sein heiliger Geist,
durch den der Trieb geschieht.
Der Weis' ist nie allein:
Geht er gleich ohne dich,
so hat er doch den Herrn
der Dinge (Gott) mit sich.
Gott kann sich nicht entziehn,
er wirket für und für,
fühlst du nicht seine Kraft,
so gib die Schuld nur dir.
Du darfst zu Gott nicht schrein,
der Brunnquell ist in dir:
Stopfst du den Ausgang nicht,
er flösse für und für.
Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo,
du fehlst ihn für und für.
Mensch, so du wissen willst,
was redlich beten heißt,
so geh in dich hinein
und frage Gottes Geist.
Wer in sich über sich
in Gott verreisen kann,
der betet Gott lm Geist
und in der Wahrheit an.
Gott ist so über all's,
daß man nichts sprechen kann,
drum betest du ihn auch
mit Schweigen besser an.
Angelus Silesius
Es ist in dir, und so du magst
eine Stunde schweigen von allem
deinem Wollen und Sinnen, so
wirst du unaussprechliche
Worte Gottes hören.
Jakob Böhme
Meditieren gilt allein von Menschen. Denn sich etwas vorstellen und denken scheinen auch Tiere zu können .... Meditieren und denken ist zweierlei; denn meditieren heißt ernst, tief und sorgfältig 'denken', eigentlich: im Herzen wiederkäuen. Meditieren ist gleichsam in der Mitte verweilen oder von der Mitte und dem Innersten bewegt werden.
Martin Luther
Es mag niemand Gott noch Gottes Wort recht verstehen, er hab's denn ohn' Mittel von dem Heiligen Geist. Niemand kann's aber von dem Heiligen Geist haben, er erfahr's, versuch's und empfind's denn. Und in derselben Erfahrung lehret der Heilige Geist wie in seiner eignen Schule, außerhalb weicher wird nichts gelehrt als nur Schein-Wort und Geschwätz.
Martin Luther
Das Wesen des Meditierens
Wenn ich aber Zeit und Raum habe außer dem Vaterunser, mache ich es mit den zehn Geboten auch so und hole ein Stück nach dem andern, damit ich ja ganz frei werde (soweit es möglich ist), zum Gebet. Und ich mache aus einem jeglichen Gebot ein vierfaches oder ein vierfach gedrehtes Kränzlein, so nämlich: Ich nehme jedes Gebot zum ersten als eine Lehre an, wie es denn an sich ist, und denke, was unser Herr Gott darin so ernstlich von mir fordert. Zum zweiten mache ich eine Danksagung daraus, zum dritten eine Beichte, zum vierten ein Gebet, nämlich so oder mit dergleichen Gedanken und Worten:
1. 'Ich bin der Herr dein Gott" usw. 'Du sollst keine anderen Götter haben neben mir" usw.
Hier denke ich erstlich, daß Gott herzliche Zuversicht zu ihm in allen Sachen von mir fordert und mich lehrt und es sein hoher Ernst ist, daß er wolle mein Gott sein, daß ich ihn dafür halten solle bei Verlust der ewigen Seligkeit, und daß mein Herz auf nichts sonst solle bauen noch trauen, es sei Gut, Ehre, Weisheit, Gewalt, Heiligkeit oder irgendeine Kreatur.
Zum zweiten danke ich seiner grundlosen Barmherzigkeit, daß er sich so väterlich zu mir verlorenem Menschen hinuntersenkt und sich selbst ungebeten, ungesucht, unverdient mir anbietet, mein Gott zu sein, sich meiner anzunehmen, und in allen Nöten mein Trost, mein Schutz, meine Hilfe und Stärke sein will. Wir armen, blinden Menschen haben doch sonst so mancherlei Götter gesucht und müßten sie noch suchen, wenn er sich nicht selbst so offenbar hören ließe und sich uns nicht in unserer menschlichen Sprache anböte, daß er unser Gott sein wolle. Wer kann ihm dafür immer und ewig genug danken?
Zum dritten beichte und bekenne ich meine große Sünde und Undankbarkeit, daß ich solche schöne Lehre und hohe Gabe durch mein ganzes Leben so schändlich verachte und mit unzähligen Abgöttereien seinen Zorn so greulich gereizt habe. Das tut mir leid, und ich bitte um Gnade.
Zum vierten bitte ich und spreche: Ach, mein Gott und Herr, hilf mir durch deine Gnade, daß ich dies dein Gebot möge täglich immer besser lernen und verstehen und mit herzlicher Zuversicht danach handeln. Behüte ja mein Herz, daß ich nicht mehr so vergeßlich und undankbar werde, keine anderen Götter noch Trost weder auf Erden noch in allen Kreaturen suche, sondern allein, rein und fein bei dir, meinem einzigen Gott, bleibe. Amen, lieber Herr Gott Vater, Amen.
Martin Luther
Denn er (Gott), der überall ist,
kann nicht nichtgefunden werden,
wenn er nur recht gesucht wird.
Nikolaus von Kues
Der Mensch soll sich in keiner Weise je als fern von Gott ansehen, weder eines Gebrechens wegen noch wegen einer Schwäche noch wegen irgendetwas sonst. Und wenn dich auch je deine großen Vergehen so weit abtreiben mögen, daß du dich nicht als Gott nahe ansehen könntest, so solltest du doch Gott als dir nahe annehmen. Denn darin liegt ein großes Übel, daß der Mensch sich Gott in die Ferne rückt.
Meister Eckhart
In einem jeglichen guten Gedanken oder guten Bestreben oder guten Werk werden wir allzeit neu geboren in Gott.
Solche Menschen mögen wissen, daß es das allerbeste und alleredelste, wozu man in diesem .Leben kommen kann, ist, wenn du schweigst und Gott wirken und sprechen läßt.
Wer die ewige Weisheit des Vaters hören soll, der muß innen sein und muß daheim sein und muß Eins sein, dann kann er die ewige Weisheit des Vaters hören.
Je entblößter und lediger das Gemüt Gott zufüllt und von ihm gehalten wird, desto tiefer wird der Mensch in Gott versetzt, und so empfänglicher wird er Gottes in allen seinen kostbarsten Gaben, denn einzig auf Gott soll der Mensch bauen,
Das allerkräftigste Gebet .... vor allen ist jenes, das hervorgeht aus einem ledigen Gemüt. Je lediger dies ist, um so kräftiger, würdiger, nützer, löblicher und vollkommener ist das Gebet ...
Meister Eckhart
Gott ist allzeit bereit, wir aber sind sehr unbereit, Gott ist uns 'nahe', wir aber sind ihm fern; Gott ist drinnen, wir aber sind draußen; Gott ist (in uns) daheim, wir aber sind in der Fremde,
Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die Gottes ganz und gar empfänglich ist. Ich bin des so gewiß, wie ich lebe, daß mir nichts so nahe ist wie Gott. Gott ist mir ndher, als ich mir selber bin. Mein Sein hängt daran, daß mir Gott nahe und gegenwärtig sei.
Wenn man einen Tropfen in das wilde Meer gösse, so verwandelte sich der Tropfen in das Meer und nicht das Meer in den Tropfen. So (auch) geschieht es der Seele: Wenn Gott sie in sich zieht, so verwandelt sie sich in ihn, so daß die Seele göttlich wird, nicht aber Gott zur Seele ... Da bleibt die Seele in Gott, wie Gott in sich selbst bleibt.
Alle Gabe, die gab Gott nur zu dem Ende, daß er eine Gabe geben könne: die ist er selber.
lm Wesen der Seele können wir Gott erkennen; und je mehr wir mit unserer Erkenntnis dem Wesen der Seele näherkommen, desto näher sind wir der Erkenntnis Gottes. In uns liegt und wohnt die Wahrheit.
Gott finden wir am sichersten in unserem Innern.
Meister Eckhart
Niemand kann Gott erkennen, der nicht zuvor sich selbst erkennt. Kennte ich mich selber, wie ich sollte, so hätte ich die tiefste Erkenntnis aller Kreaturen,
lm Einen findet man Gott, und Eins muß der werden, der Gott finden soll. .... lm Unterschied findet man weder das Eine noch das Sein noch Gott noch Rast noch Seligkeit noch Genügen. Sei Eins, auf daß du Gott finden könntest!
Meister Eckhart
Leer werden für Gott - das ist nicht Müßiggang, nein, es ist die wichtigste aller Beschäftigungen.
(Otiosum non est vocare deo, sed negotium negotiorum omnium.)
Ein solches Lied kann nur der Geist der Liebe lehren,
es läßt sich nur in der Erfahrung lernen.
Wer es erfahren hat, erkennt es wieder,
und wer noch nicht, soll glühen in der Sehnsucht,
nicht: mehr von ihm zu wissen,
sondern: an der Erfahrung teilzuhaben.
Dies Lied klingt nicht im Ohr:
es jubelt auf im Herzen.
Es tönt nicht von den Lippen,
sondern erregt in tiefer Freude.
Nicht Stimmen schwingen da in eins,
sondern die Strebungen der Herzen.
Es ist nicht draußen zu vernehmen,
es schallt nicht offen auf dem Markt.
Nur die es singt, vernimmt den Klang
und der, dem sie es singt:
die Braut und ihr geliebter Bräutigam.
Bernhard von Clairvaux
Suche
Gott,
und du findest
Gott
und alles Gute
dazu.
Geschaffen
hast du uns
zu dir,
und ruhelos
ist unser
Herz,
Bis daß es
seine Ruhe hat
in dir.
Aurelius Augustinus
Sprache ist das Organ dieser Welt,
Schweigen das Geheimnis der künftigen.
Isaak der Syrer
Laßt den, der sucht, nicht aufhören, bis daß er findet!
Wenn er findet, wird er sich entzücken;
entzückt wird er das Himmelreich erreichen.
Und wenn er das Himmelreich erreicht hat,
wird er Ruhe finden.
Das Himmelreich ist in dir;
und wer immer sich kennt, der wird es finden.
Lernt daher euch selbst erkennen;
und ihr werdet gewahr werden,
daß ihr Gottes Söhne seid.
Thomas-Evangelium
So wie es unmöglich ist, daß jemand in einem bewegten Wasser sein Gesicht betrachten kann, so kann auch nicht die Seele, wenn sie nicht vorher von allen fremden Gedanken gereinigt wurde, gesammelt zu Gott beten.
Ein Wüstenvater
Hinter jedem "O HERR!", das du sprichst, steht ein tausendfaches "HIER BIN ICH".
Meviono Celaieddin Rumi
Wir huldigen dem Atem des Lebens,
denn dieses ganze Universum gehorcht ihm.
Er ist der Herr aller Dinge geworden,
alles hat in ihm seinen Ursprung.
Wir huldigen dir, Atem des Lebens,
wir huldigen deinem Tosen;
wir huldigen dir, Donner, und dir, Blitz;
wir huldigen dir, o Atem des Lebens,
wenn du Regen herabgießt.
Wir huldigen dir beim Einatmen,
wir huldigen dir, Lebensatem, beim Ausatmen:
wir huldigen dir, wenn du dich abwendest,
wir huldigen dir, wenn du dich uns wieder zukehrst:
Dir gebührt in allem, ja in allem Huldigung.
Der Atem des Lebens nimmt die Kreaturen als sein Gewand;
er nimmt sie wie ein Vater seinen geliebten Sohn.
Der Atem des Lebens ist der Weltenherr,
der Herr aller, die atmen,
der Herr von allem, was ohne Atem ist.
O Atem des Lebens, wende dich nicht ab von mir:
Ich selbst verschmelze mit dir.
Wie ein Lebenskeim im Wasser:
So umgebe und binde ich Dich in mir, damit ich lebe.
Atharva-Vedo
Wenn der Leib unaufhörlich
in Bewegung gehalten wird,
wird er müde.
Wenn der Geist unaufhörlich
in Bewegung gehalten wird,
wird er sorgenvoll;
und Sorge verursacht Erschöpfung.
Das Wesen des Wassers ist,
daß es klar wird,
wenn man es in Ruhe läßt,
und still,
wenn man es nicht stört.
Tschuang Tse
Wer weiß, redet nicht,
wer redet, weiß nicht.
Lao-tse
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»Das Ganze ist das Unwahre« – der lapidare Satz des Theodor Adorno. Wo
immer eine Idee, eine Politik, ein Lebenswerk ein Ganzes sein oder
herstellen wollte, wurde dieses vermeintliche Ganze unwahr und
schließlich überheblich und totalitär. – Die sichtbare Welt ist ein
Fragment; wenn sie ganz sein will, wird sie gefährlich. Die unsichtbare
Welt geht ihr ab. – Dagegen Goethe: »Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren,
Vertrauen aufs Unmögliche, Unwahrscheinliche«. Verbunden mit der
unsichtbaren Welt wächst die sichtbare zu einem Ganzen zusammen. Erst
dieses ungeteilte Ganze ist das Wahre.
Was haben die Religionen
für eine Zukunft?
Ich glaube, Ihnen darauf
antworten zu müssen,
dass es sich weniger
um eine Frage des
Glaubens an Gott
als um den Glauben an den Menschen handelt.
Kardinal
Franz König
Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht.
Die brennende Lampe, Tucholsky